Fukushima: Stand der Arbeiten am Standort im März 2017

10.03.2017

Sechs Jahre nach dem Unfall arbeiten am Standort Fukushima Daiichi täglich immer noch rund 6.000 Beschäftigte von TEPCO und beauftragten Unternehmen daran, die Folgen des Unglücks zu bewältigen. Bei den meisten der Arbeiten, die gegenwärtig durchgeführt werden, handelt es sich um längerfristige Maßnahmen. Dazu gehören vor allem die verschiedenen Aktivitäten im Zusammenhang mit der Vermeidung bzw. Behandlung und Lagerung von kontaminiertem Wasser und die Vorbereitungen zur Bergung der Brennelemente, die noch in den Lagerbecken der Blöcke 1 bis 3 stehen.

Nachfolgend wird der aktuelle Stand dieser Arbeiten in einem kurzen Überblick dargestellt. Ausführlichere Erläuterungen der einzelnen Maßnahmen finden sich unter anderem in einem Beitrag zum fünften Jahrestag sowie in der fünften Auflage des Fukushima-Berichts der GRS.

Dekontamination und radiologische Situation

Nach wie vor werden Arbeiten zur Dekontamination des Anlagengeländes durchgeführt, um die Strahlenbelastung des Personals weiter zu reduzieren. Dazu zählen beispielsweise die Versiegelung oder die Reinigung von Flächen (z. B. durch eine Art Sandstrahl-Verfahren), die Beseitigung kontaminierter Trümmer und Rodungen von belastetem Buschwerk und Bäumen. Bis Ende 2016 fielen dabei knapp 200.000 m³ an Trümmerteilen und fast 90.000 m³ an Rodungsabfällen an.

Insgesamt zeigen die von TEPCO veröffentlichten Daten über die Ortsdosisleistungen (ODL) auf dem Anlagengelände seit geraumer Zeit neben dem Trend einer langfristigen Abnahme keine signifikanten Veränderungen. Durch die genannten Dekontaminationsmaßnahmen können die Beschäftigten nach Angaben TEPCOs mittlerweile in weiten Bereichen der Anlage ohne besondere Schutzausrüstung wie Vollschutzanzügen bzw. -atemmasken arbeiten. Im Bereich um die Reaktorgebäude werden an den meisten Stellen ODL zwischen ca. 50 bis hin zu etwa 350 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h) erreicht; punktuell wurden in den letzten Jahren an sogenannten Hot-Spots wie dem Abluftkamin zwischen den Blöcken 1 und 2 auch Werte bis zu 10 Sievert pro Stunde gemessen. Im weiteren Umfeld erreichen die ODL auf dem Anlagengelände Werte im Bereich von 1 bis ca. 20 µSv/h. Zum Vergleich: Die natürliche ODL bewegt sich in Deutschland nach Angaben des Bundesamts für Strahlenschutz je nach örtlichen Gegebenheiten zwischen 0,05 und 0,18 Mikrosievert pro Stunde.

Vorbereitung der Bergung der Brennelemente aus den Abklingbecken

Nachdem bis Ende 2014 das Abklingbecken von Block 4 vollständig geräumt wurde, liegt nun der Fokus auf der Vorbereitung der Bergung der insgesamt 1573 Brennelemente aus den Becken der Blöcke 1 bis 3. Nach den Planungen von TEPCO – der sogenannten „Road map“ – sollen die Brennelemente bis zum Jahr 2022 geborgen und in ein Zwischenlager transportiert sein.

Seit 2015 wird die nach dem Unfall über Block 1 errichtete Einhausung teilweise wieder abgebaut. Die Stahlgerüstkonstruktion soll weitgehend erhalten bleiben und ab März 2017 modifiziert und mit sogenannten „Windbreak shields“ neu eingekleidet werden. Über dem Bedienflur soll eine neue Dachkonstruktion mit Kranvorrichtungen errichtet werden. Der Bedienflur ist die oberste Ebende direkt unter dem Dach, auf der sich das Abklingbecken und die Abdeckungen des Containments befinden.

Zur Bergung der Brennelemente aus Block 2 soll die bislang unbeschädigte Außenhülle des Reaktorgebäudes im Dachbereich oberhalb des Bedienflurs abgebaut und durch eine neue Einhausung ersetzt werden. Seit September 2016 wird dazu an der Westseite des Gebäudes eine Gerüstkonstruktion errichtet, die bis April 2017 fertiggestellt sein soll.

Über Block 3 wird seit 2016 eine Einhausung errichtet, die das gesamte Reaktorgebäude umschließen soll. Ende 2016 wurden Arbeiten zur Dekontamination des Bedienflurs und der Einbau von Abschirmungen (sog. „shields“) zur Reduzierung der ODL im Umfeld des Lagerbeckens abgeschlossen. Im Januar 2017 wurde mit der Errichtung der Einhausung über dem Bedienflur und den Vorrichtungen zur Bergung der Brennelemente begonnen. Mit der Entladung der Brennelemente soll nach gegenwärtigen Planungen im Sommer bzw. Herbst 2018 begonnen werden.

Wasserreinigung und -lagerung

Die Menge des auf dem Anlagengelände gelagerten kontaminierten Wassers ist bis Anfang März 2017 auf knapp 970.000 Tonnen angewachsen und liegt damit knapp unter der gegenwärtig vorhandenen Lagerkapazität von etwas über einer Million Tonnen. Dem ganz überwiegenden Teil des Wassers wurde in verschiedenen Anlagen der größte Teil der radioaktiven Stoffe wie beispielsweise Cäsium und Strontium entzogen. Es enthält jedoch nach wie vor das radioaktive Tritium, das mit herkömmlichen Reinigungsmethoden nicht entzogen werden kann. Die mittlere Tritium-Konzentration des gelagerten Wassers liegt um mehrere Größenordnungen über den Richtwerten, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als unbedenklich für Trinkwasser einstuft. Mehrere Unternehmen wurden mit der Erstellung von Konzepten für eine Abtrennung des Tritiums und dem Nachweis der Machbarkeit in industriellem Maßstab beauftragt worden. Erste Ergebnisse wurden für März 2016 angekündigt; weitere Informationen zum Stand der Arbeiten wurden bislang nicht veröffentlicht.

Errichtung des „Eiswalls“

Im Laufe des Jahres 2016 wurden die Errichtung technischen Anlagen zur Vereisung des Bodens auf einer Gesamtlänge von rund 1.500 Meternn um die Reaktorgebäude der Blöcke 1 bis 4 abgeschlossen und mit der Kühlung des Bodens begonnen. Ende 2016 erteilte die Aufsichtsbehörde NRA die Genehmigung, die Vereisung vollständig abzuschließen. Mittlerweile ist die Kühlung auf dem größten Teil der Gesamtlänge in Betrieb; seit Anfang 2017 wurde mit der Vereisung weiterer Abschnitte begonnen.

Japanische Medien berichteten Ende Dezember 2016, dass die NRA die Effektivität der Bodenvereisung in Zweifel gezogen habe, weil das Grundwasser ihrer Ansicht nach nicht in ausreichendem Maß von den Reaktorgebäuden fernhalte. Im November 2016 war an einer Stelle das Erdreich bis auf eine Tiefe von etwa 1,5 Metern aufgraben worden; dabei konnte die Vereisung des Bodens an dieser Stelle bestätigt werden. Insgesamt ist eine Vereisungstiefe von ca. 30 Metern vorgesehen. Insgesamt wurden vom japanischen Staat rund 280 Millionen für die Bodenvereisung aufgewendet.

Untersuchung der Reaktoren

Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeiten am Standort liegt schließlich auf der Untersuchung des Inneren der Reaktorgebäude der Blöcke 1 bis 3. Neben der Identifizierung von Leckagen, aus denen kontaminiertes Wasser austritt, geht es dabei vor allem darum, Informationen über das Ausmaß der Kernschmelzen und die Verteilung des geschmolzenen Kernmaterials in den Sicherheitsbehältern zu sammeln. Seit geraumer Zeit werden dazu verschiedene Roboter und andere Techniken zur ferngesteuerten Gewinnung von Bildern und anderen Daten eingesetzt.

In Block 2 wurde beispielsweise ein neu entwickelter Roboter – seiner Form entsprechend „Skorpion“ genannt – in den Sicherheitsbehälter von Block 2 eingebracht. Zuvor war dessen Route durch eine endoskopartige Konstruktion erkundet worden. Bei diesen Einsätzen konnte zwar Bildmaterial gewonnen werden, die avisierte Zielregion unterhalb des Reaktordruckbehälters konnte wegen des durch die extrem starke Strahlung verursachten Ausfalls der Kamera nicht erreicht. Auch die Bergung des Roboters scheiterte, nachdem dieser sich festgefahren hatte. Mit dem Roboter konnten auch ODL-Werte gemessen werden, die bei rund 500 Sievert pro Stunde liegen. Die Messgenauigkeit ist durch die angewendete Messmethode allerdings vergleichsweise gering, nach Angaben von TEPCO sind Abweichungen von rund 30 % möglich.

Weitere Informationen zu den andauernden Arbeiten sind in den sogenannten „Progress Reports“ zu finden, die TEPCO monatlich in englischer Sprache auf seiner Webseite veröffentlicht; der aktuelle Bericht ist hier als PDF-Datei verfügbar. Die GRS veröffentlicht einmal im Monat ihren „Monatsüberblick zur radiologischen Situation am Standort Fukushima Daiichi" mit weiteren Informationen und Links zu verschiedenen Institutionen.

(Bildquellen: TEPCO)