Fukushima: GRS veröffentlicht neuen Bericht zur aktuellen Lage vor Ort

02.03.2015

Aus Spundwänden errichteten Barriere nahe der Kaimauer im Hafenbecken (Quelle: TEPCO)Anlässlich des vierten Jahrestages des Reaktorunfalls veröffentlicht die GRS die vierte, vollständig überarbeitet Version ihres Berichts „Fukushima Daiichi 11. März 2011 ‒ Unfallablauf, radiologische Folgen“. Der Bericht gibt einen aktuellen Überblick über den Kenntnisstand zu Ursachen und Ablauf des Unfalls. Gleichzeitig zeigt er auf, wie sich die radiologische Situation entwickelt hat und wie in den letzten vier Jahren am Standort mit den Folgen umgegangen wurde. Bis zu 11.000 Arbeiter monatlich waren  dort im letzten Jahr damit beschäftigt, aufzuräumen und zu dekontaminieren. Gleichwohl werden die Arbeiten vor Ort nach Einschätzungen von Experten noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Was passierte im letzten Jahr in Fukushima?
Kontaminiertes Grundwasser. Eines der größten Probleme vor Ort stellt das kontaminierte Wasser dar. Es entsteht durch die Einspeisung von Wasser zur Kühlung der Reaktoren. Die Menge des Wassers erhört sich allerdings dadurch, dass kontaminiertes Wasser aus den Reaktoren durch Undichtigkeiten in den Gebäuden oder Leckagen an Lagertanks in die Umwelt gelangt und sich mit dem Grundwasser durchmischt. Insgesamt werden in Fukushima derzeit fast 600.000 Kubikmeter kontaminiertes Wasser in Tanks gelagert.
Um die Menge des gelagerten Wassers zu reduzieren, wurden im letzten Jahr auf dem Gelände weitere Anlagen zum Aufbereiten des Wassers gebaut. Mit ihnen lassen sich über Cäsium hinaus Radionuklide wie Strontium aus dem Wasser filtern. Für 2015 ist der Bau einer Pilotanlage geplant, mit der die Extraktion von Tritium erprobt werden soll.

Tanks auf dem Außengelände (Quelle: TEPCO)Weiterhin versucht TEPCO die Freisetzung von kontaminiertem Wasser über das Abdichten von Leckagen, das Errichten von Strömungsbarrieren im Meer oder das Anlegen von Grundwasserschächten, aus denen das Grundwasser abgepumpt werden kann, zu verringern. Eine der bekanntesten Maßnahmen ist dabei der Bau eines sogenannten Eiswalls durch das Vereisen des Bodens. Der Eiswall soll die Reaktorgebäude und Maschinenhäuser der Blöcke 1 bis 4 vollständig umschließen und sie vom Grundwasser abschotten. Mit dem Einfrieren des Bodens soll im April 2015 begonnen werden. TEPCO rechnet damit, dass er bis September 2015 fertiggestellt ist.

Brennelemente. TEPCO entfernte zwischen November 2013 und Dezember 2014 alle 1.533 Brennelemente aus dem Brennelementlagerbecken in Block 4. Aktuell befinden sich die Brennelemente im zentralen Standort-Zwischenlager des Standorts. Die Bergung der Brennelemente stellte eine der wichtigsten Voraussetzungen für den geplanten Rückbau der Anlagen dar. Wann die Brennelemente der restlichen Blöcke geborgen werden sollen, steht bislang noch nicht fest.

Untersuchung der Reaktoren. TEPCO erkundet das Innere der Reaktoren seit 2012 mit Robotern, um Leckage ausfindig zu machen. Aktuell wird zum einen der Einsatz eines sogenannten Schlangenroboters vorbereitet, mit dem der Sicherheitsbehälter von Block 1 erkundet werden soll. Zum anderen installiert TEPCO derzeit in Fukushima Anlagen für die sogenannte Myonen-Tomographie. Mit dieser Technik lässt sich eine Art Röntgenscan der Reaktoren und ihrer Kerne erstellen.

Dekontamination. Seit dem Unfall hat TEPCO auf dem Anlagengelände verschiedene Maßnahmen zur Dekontamination durchgeführt. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) stellte im Februar 2015 fest, dass sich die Strahlenbelastung vor Ort durch diese Arbeiten im Laufe des letzten Jahres um mehrere Größenordnungen verringert habe.

Neue Forschungsergebnisse zum Unfallablauf
Als eine von weltweit sieben Forschungsinstitutionen hat die GRS am OECD/NEA-Projekt „Benchmark Study of the Accident at the Fukushima Daiichi Nuclear Power Station” teilgenommen. Ziel des Projektes war es, die ersten sechs Tage nach Unfallbeginn mit unterschiedlichen Simulationsprogrammen zu berechnen. Die Ergebnisse wurden anschließend mit den Messdaten aus dem Kernkraftwerk abgeglichen. Der Vergleich der Daten sollte bisher offene Fragen zum Unfallablauf und zum Zustand der Reaktorkerne beantworten.

Die Ergebnisse des Benchmarks und weiterer Analysen von TEPCO und der japanischen Aufsichtsbehörde NRC deuten darauf hin, dass es in allen Blöcken zu erheblichen Kernschäden und einer Beschädigung des Reaktordruckbehälters kam. So zeichnet sich z.B. für Block 1 eine vollständige Kernzerstörung ab. Für Block 2 wird von einer lokalen und für Block 3 von einer starken Zerstörung des Kerns ausgegangen. Gewissheit über den tatsächlichen Zustand der Reaktorkerne kann allerdings erst durch Fotos oder Proben vor Ort erlangt werden.

Weitere Informationen
„Fukushima Daiichi 11. März 2011 ‒ Unfallablauf, radiologische Folgen“ (4., überarb. Aufl.)
Radiologischer Wochenüberblick Fukushima
Arbeiten der GRS zu Fukushima
OECD-NEA-Benchmark