29 Jahre nach dem Unfall: Was passiert heute am Standort Tschernobyl?

17.04.2015

Der Reaktorunfall in Tschernobyl liegt fast 30 Jahre zurück. Noch immer wird an der Beseitigung der Folgen vor Ort gearbeitet. Diese Arbeiten, der Betrieb des nach dem Unfall errichteten Sarkophags über dem zerstörten Kraftwerksblock 4 und die Überwachung des zerstörten Blocks und der anderen stillgelegten Blöcke werden noch viele Jahrzehnte andauern.

Baufortschritt am New Safe Confinement am Standort Tschernobyl (Quelle: ChNPP)Eine der größten Herausforderungen vor Ort ist derzeit der Bau einer neuen Schutzhülle für den zerstörten Reaktorblock 4, das sogenannte „New Safe Confinement“ (NSC). Das Stützwerk für die Bogenkonstruktion wurde bereits auf einer Montageplattform zusammengebaut. Diese Konstruktion wird mit einer inneren und äußeren Abdeckung versehen. Die West- und Ostwand, die sich den jeweils vorhandenen Baustrukturen anpassen, komplettieren schließlich die Schutzhülle. Mit einer Höhe von 108 Metern, einer Länge von 162 Metern und einer Spannbreite von 257 Metern wird das NSC nach seiner Fertigstellung das größte bewegliche Gebäude der Welt sein.

Nach derzeitigen Planungen geht man davon aus, dass 2017 die beiden Segmente mit allen Konstruktionsteilen fertiggestellt und miteinander verbunden sein werden. Das NSC soll dann auf Streifenfundamenten über den zerstörten Block geschoben werden. Der noch verbleibende Spalt zwischen der neuen Konstruktion und dem vorhandenen Bauwerk des Reaktorblocks wird durch flexible Kunststoffmembranen geschlossen. Diese können einerseits die Bewegungen des NSC  abfangen, gewährleisten andererseits aber auch die Abdichtung des alten Sarkophags mit dem zerstörten Reaktorgebäude zur Umgebung.

Rückbau unter der Schutzhülle

Das NSC soll aber nicht nur dazu dienen, um den alten Sarkophag vor äußeren Einwirkungen zu schützen und um zu verhindern, dass radioaktive Stoffe an die Umwelt gelangen. Mit dem NSC  werden auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass der Rückbau des alten Sarkophags beginnen kann. Unter der Bogenkonstruktion ist dazu eine große Krananlage angebracht, mit der später Teile des Sarkophags demontiert werden können. Welche Teile in welcher Reihenfolge demontiert werden und was nach der Demontage damit geschieht, wird gegenwärtig untersucht. Ein ausgeklügeltes Ventilationssystem innerhalb der Bogenkonstruktion soll dafür sorgen, dass der Raum im Bereich zwischen der Stahlgerüstkonstruktion und der äußeren Hülle des NSC klimatisiert wird. Dazu wird die in diesen Bereich eingeblasene Luft vorher so weit „getrocknet“, dass die Luftfeuchtigkeit nur noch rund 40 % beträgt. Außerdem wird die Luft auf ca. 3 Grad Celsius über der Umgebungstemperatur aufgeheizt. Mit diesen Maßnahmen will man erreichen, dass das Bauwerk während seiner Standzeit, die mit ca. 100 Jahren angenommen wird, korrosionsfrei bleibt.

Die Kosten für den Bau des „New Safe Confinements“ liegen nach derzeitigem Stand bei rund  1,5 Mrd. Euro. Finanziert wird das Projekt von Ländern und Institutionen einer internationalen Staatengemeinschaft, die Beiträge in den sogenannten „Chernobyl Shelter Fond“, eingezahlt haben. Die Beiträge verwaltet die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE). Aktuell besteht eine Finanzierungslücke von über 600 Mio. Euro. Die Fertigstellung des Projekts ist unter diesen Umständen nicht sichergestellt. Am 29. April 2015 treffen sich die G7-Staaten deshalb zu einer Geber-Konferenz, um über die weitere Finanzierung zu beraten. Darüber hinaus muss sichergestellt werden, dass notwendige Arbeiten am alten Sarkophag auch zukünftig durchgeführt werden können, ebenso wie der sichere Betrieb des Systems „alter Sarkophag – NSC“. Ein weiterer Aspekt ist die Planung und Schaffung von Entsorgungsmöglichkeiten.

Anbringen der inneren Verkleidung im New Safe Confinement und Blick in den Zwischenraum der Bogenkonstruktion (Quelle: ChNPP)Was geschieht mit den drei anderen Reaktorblöcken und den radioaktiven Abfällen aus dem Rückbau?

Die drei anderen, unbeschädigten, Reaktorblöcke sollen für mehrere Jahrzehnte in einen überwachten sicheren Einschluss überführt werden. Während dieses Zeitraums klingt die Radioaktivität in den Anlagen ab. Anschließend sollen die Reaktoren dieser Anlagen ebenfalls rückgebaut werden. Parallel dazu erfolgt bereits jetzt die Demontage von nicht mehr benötigten Anlagen und Ausrüstungen, deren Aktivitätsinventar eine manuelle Handhabung ermöglichen. Um die dabei anfallenden radioaktiven Abfälle sicher zu entsorgen, wurden zwei Anlagen zur Konditionierung der schwach- und mittelaktiven Abfälle errichtet – eine für flüssige (Liquid Radwaste Treatment Plant - LRTP) und eine für feste radioaktive AbfälBlick auf die Baumaßnahmen für das Technologische Hilfsanlagengebäude des NSC auf dem Gelände des Kernkraftwerks Tschernobyl mit dem zerstörten Block 4 im Hintergrund (Quelle: ChNPP)le (Industrial Complex for Solid Radwaste Management - ICSRM). Die konditionierten, das heißt verfestigten und verpackten, Abfälle werden in ein oberflächennahes Endlager innerhalb der 30-km-Sperrzone verbracht. Zusätzlich befindet sich ein Zwischenlager für die trockene Lagerung von mehr als 21.000 bestrahlten Brennelementen im Bau (Interim Spent Fuel Storage Facility - ISF-2).

Die schwach- und mittelaktiven Abfälle, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl rasch zusammengesammelt wurden, werden derzeit im Endlager Buryakovka gelagert. Die 90 Hektar große Anlage befindet sich 13 Kilometer vom Kernkraftstandort entfernt und liegt somit noch in der 30-km-Sperrzone („Exclusion Zone“), die um Tschernobyl besteht. Bis heute wurden mehr als 886.000 Kubikmeter nicht konditionierte Abfälle mit einer Aktivität von rund 2,51 x 1015 Becquerel in 30 oberflächennahe Gräben gefüllt und mit Erdboden bedeckt. Die Kapazitäten sollen erweitert werden, um dort weitere schwachaktive Abfälle aus dem Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl einzulagern. Ein weiteres Endlager im Komplex „Vektor“, das zurzeit unweit des Kernkraftwerks errichtet wird, soll den größten Teil der kurzlebigen mittel- und schwachradioaktiven Abfälle aus dem Betrieb und Rückbau von Tschernobyl aufnehmen.

Arbeiten der GRS zu Tschernobyl

Die GRS hat sich unmittelbar nach der Katastrophe in Tschernobyl vor 29 Jahren mit der Analyse und den Folgen des Unfalls beschäftigt. Auch die radiologische Situation vor Ort und die Standsicherheit des alten Sarkophags waren ein Thema. Die GRS unterstützte die Ukraine beim Aufbau von Aufsichts- und Genehmigungsbehörden und beteiligt sich daran, Bedingungen zu schaffen, um den Standort Tschernobyl in einen langfristig sicheren ökologischen Zustand zu überführen. Mehr als zehn Jahre unterstützte sie zudem die ukrainische Aufsichts- und Genehmigungsbehörde bei der fachlichen Begutachtung aller sicherheitstechnisch relevanten Fragen zu Planung, Bau und Fertigstellung des NSC.

Messungen zur Radioaktivität innerhalb und in der unmittelbaren Umgebung des Sarkophags (Quelle: GRS)Von 1998 bis 2003 führte die GRS im Rahmen einer durch das BMU mitgeförderten deutsch-französischen Initiative eine Datenbank mit verifizierten Daten zu den radiologischen Folgen des Unfalls von 1986. Die aus der Datenbank entwickelte „Shelter Safety Status Database“ wird seit 2006 weiterentwickelt und enthält detaillierte Informationen zum Sarkophag, dessen Sicherheitszustand und zu seiner unmittelbaren Umgebung.

Weitere Schwerpunkte der Arbeiten, die bis 2017 fortgeführt werden, sind unter anderem Fragestellungen zu radioökologischen Aspekten bei der derzeitigen Errichtung des NSC, der geplanten Stilllegung des Kühlteichs und der Sicherung der sogenannten “Waste Dumps“ (Abfallgräber) am Standort Tschernobyl. Dazu wurden in Zusammenarbeit mit ukrainischen Experten Daten erhoben und neben der Integration in die Shelter Database auch in Geoinformationssystemen dargestellt.

 

Strömungsvektoren zur Modellierung der Ausbreitung von radioaktivem Staub innerhalb des New Safe Confinement (Quelle: GRS)Seit Anfang 2014 nimmt die GRS an einem von der NATO unterstützten Forschungsvorhaben zur Modellierung der Ausbreitung von radioaktiven Freisetzungen im NSC teil. Die Arbeiten an dem hierzu vorgesehenen 3D-Thermalgasdynamik-Modell erfolgen zusammen mit dem Institut für Thermophysik (IETP) und dem Institut zu Sicherheitsproblemen bei Kernkraftwerken der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine.

 

 

 

Weitere Informationen

Informationen der EBWE zu Tschernobyl
Webcam am Standort Tschernobyl