Tschernobyl: 35. Jahrestag der Reaktorkatastrophe

22.04.2021

Blick auf das New Safe Confinement (© ChNPP)

Am 26. April jährt sich die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl zum 35. Mal: Bei einem Experiment stieg die Leistung des Reaktors in Block 4 durch eine Reihe von Bedienfehlern übermäßig stark an, der Brennstoff und das Kühlmittel überhitzten. Mehrere Explosionen und ein Brand waren die Folge – rund acht Tonnen radioaktiver Brennstoff gelangten aus dem Reaktorkern in die Umgebung. Noch im selben Jahr wurde über den zerstörten Reaktor ein provisorischer Schutzmantel errichtet: der sogenannte Sarkophag. In einem Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk wurde eine Sperrzone eingerichtet, die nur mit Genehmigung betreten werden darf. Einige wenige Rückkehrer leben in der Sperrzone, die sogenannten Samosely („Selbstsiedler“). Das Gebiet erfreut sich zudem zunehmender Beliebtheit bei Touristen, die seit 2008 im Rahmen organisierter und staatlich genehmigter Touren die Sperrzone besuchen können.

Seit dem Unfall wird kontinuierlich daran gearbeitet, den Standort Tschernobyl wieder in einen ökologisch sicheren Zustand zu überführen. Die dafür zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leben zu einem großen Teil für die Dauer mehrerer Wochen innerhalb der Sperrzone. Wegen der Corona-Pandemie ist die Zahl der Beschäftigten, die unmittelbar in der Anlage tätig sind, aktuell stark eingeschränkt. Weitgehend wurde das Arbeiten im Online-Modus angeordnet. In der Anlage selbst sind im Wesentlichen nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig, deren Arbeit einen unmittelbaren Einfluss auf die Gewährleistung der nuklearen Sicherheit und den Strahlenschutz im Rahmen der Stilllegung hat. 

In der Sperrzone kam es in den trockenen Jahreszeiten immer wieder zu Waldbränden, die im Jahr 2020 ein besonders großes Ausmaß hatten. Die Brände können dazu führen, dass radioaktive Partikel aufgewirbelt werden und in die Atmosphäre gelangen. Für die Bevölkerung in Deutschland besteht aus radiologischer Sicht laut Bundesamt für Strahlenschutz allerdings keine Gefahr. Die Verwaltung hat im letzten Jahr die Bemühungen erhöht, Brände zu erkennen und zu verhindern. Dazu wurden unter anderem die technische Ausstattung der Feuerwehr verbessert, neue Geräte zur Früherkennung von Bränden getestet sowie Feuerpatrouillen und Übungen durchgeführt.

New Safe Confinement (NSC)

Bild 1: Inneres des New Safe Confinement, vorne eine Stabilisierungskonstruktion, dahinter der alte Sarkophag (Quelle: ChNPP-Präsentation Mai 2019)Das New Safe Confinement wurde 2016 über den alten Sarkophag geschoben, um Schutz vor dem Austritt von radioaktiven Stoffen in die Umgebung für mindestens 100 Jahre zu gewährleisten und gleichzeitig die Bedingungen für einen kontrollierten Rückbau zu ermöglichen. Das NSC mit dem alten Sarkophag befindet sich gegenwärtig in der Phase des „industriellen Erfahrungsbetriebs“ (Gewährleistungsbetrieb).

In der anschließenden Phase des eigentlichen Betriebs sollen bis 2023 unter dem Schutz des NSC zunächst die instabilen Strukturen des alten Sarkophags abgebaut werden. Es ist geplant, die verbliebenen Baustrukturen zusammen mit den drei anderen Reaktorblöcken am Standort Tschernobyl bis 2065 zurückzubauen.

Zwischenlager für Brennelemente (ISF-2)

Bild 2: Prozessgebäude der ISF-2 (Quelle: ChNPP)Das Brennelemente-Zwischenlager „Interim Spent Fuel Storage Facility“ (ISF-2) für die genutzten Brennelemente am Standort wird derzeit erprobt. Mehr als 21.000 abgebrannte Brennelemente sollen hier in Betonmodulen für mindestens 100 Jahre trocken gelagert werden.

Im Jahr 2020 wurden im Rahmen der sogenannten „heißen Tests“ erstmals 186 abgebrannte Brennelemente erfolgreich in das ISF-2 eingeladen. Die Testphase wird fortgesetzt. Das Zwischenlager nimmt den regulären Betrieb auf, sobald der Betreiber des Kernkraftwerks Tschernobyl die erforderliche Betriebsgenehmigung von der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde erhält. Mit der Erteilung der Genehmigung für den Dauerbetrieb wird im Laufe dieses Jahres gerechnet.

Umgang mit radioaktiven Abfällen

Im Juli 2019 wurde der Probebetrieb der Anlage zur Konditionierung von flüssigen radioaktiven Abfällen „Liquid Radwaste Treatment Plant“ (LRTP) aufgenommen. Während des einwöchigen Probebetriebs wurden in der Anlage 34 Abfallgebinde in Form von zementierten Fässern produziert. Nach einer mindestens 28-tägigen Wartezeit können die endlagergerecht vorbereiteten Abfälle in das oberflächennahe Endlager „Engineered Near Surface Disposal Facility“ (ENSDF) für schwach- und mittelradioaktive Abfälle überführt werden. Die Betriebsgenehmigung der Anlage war bereits im Dezember 2014 erteilt worden.

Im „Industrial Complex for Solid Radwaste Management“ (ICSRM) sollen feste radioaktive Abfälle aus dem Zwischenlager am Standort konditioniert werden. Anschließend sollen die vorbereiteten Abfallprodukte ebenfalls im ENSDF gelagert werden.

GRS-Experten sammeln Daten zur radiologischen Situation und zu Waldbränden

Die GRS befasst sich seit 1986 mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl und dessen Folgen. Dies umfasst sowohl die wissenschaftliche Aufarbeitung des Unfalls als auch die Unterstützung der Behörden vor Ort. Seit 2006 entwickelt die GRS zusammen mit ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die „Shelter Safety Status Database“ (SSSDB). In der Datenbank werden Daten zur radiologischen Situation vor Ort gesammelt, die in Zusammenarbeit mit ukrainischen Experten erhoben werden.

In der Datenbank sind beispielsweise insgesamt über Tausend Waldbrände aus dem Zeitraum 1993 bis 2020 erfasst. Die Aktivitätswerte sind in der Datenbank zusammen mit weiteren Parametern abgespeichert, um mögliche Zusammenhänge zwischen den Bränden und belasteter Luft besser untersuchen zu können. Ab der zweiten Jahreshälfte 2021 sollen zudem Daten zur Wildtierkontamination aufgenommen werden.

Umgang mit kernbrennstoffhaltigen Materialien in Tschernobyl

In einem Projekt, an dem die GRS zusammen mit der ukrainischen Technischen Sachverständigenorganisation SSTC/NRS arbeitet, soll das Verhalten der kernbrennstoffhaltigen Materialien innerhalb des Sarkophags und die damit zusammenhängenden radiologischen Auswirkungen systematisch analysiert werden.

Diese Arbeiten knüpfen an frühere gemeinsame Untersuchungen zur Überwachung von offenen Kernbrennstoffen im Sarkophag bis zu ihrer Bergung und Endlagerung an. Ebenso sollen damit die Arbeiten zur Analyse von Faktoren fortgesetzt werden, die auf den Zustand des Kernbrennstoffs einen wesentlichen Einfluss haben.

Weitere Informationen

>> Website der State Agency of Ukraine on Exclusion Zone Management
>> Website des Kernkraftwerks Tschernobyl
>> Website des State Scientific and Technical Centre for Nuclear and Radiation Safety 
>> Website des Institute for Safety Problems of Nuclear Power Plants

>> Meldung des Bundesamtes für Strahlenschutz: "Waldbrände bei Tschernobyl keine Gefahr für Deutschland"