24/7 auf Abruf bereit – wie die GRS das radiologische Lagezentrum des Bundes unterstützt

14.12.2020

© GRS

Das Strahlenschutzgesetz hat 2017 den radiologischen Notfallschutz in Deutschland neu organisiert. In diesem Zuge wurde das radiologische Notfallzentrum des Bundes gegründet. Die GRS hat per Gesetz die Aufgabe übertragen bekommen, das radiologische Lagezentrum des Bundes gemeinsam mit dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), dem Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung (BASE) und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bei seiner Arbeit zu unterstützen. Im Interview erläutert der GRS-Experte, Dr. Albert Kreuser, wie die Notfallorganisation in der GRS funktioniert und wie sich er sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen auf einen möglichen Einsatz vorbereitet.

Herr Dr. Kreuser, Sie sind der operative Leiter des GRS-Notfallzentrums für nukleare Notfälle in Köln. Können Sie zum Einstieg kurz erläutern, welche Aufgabe das radiologische Lagezentrum des Bundes hat?

Das radiologische Lagezentrum ist ein dezentral organisierter Krisenstab unter der Leitung des Bundesumweltministeriums. Es wird aktiv, wenn bei überregionalen Notfällen ein radiologisches Lagebild erstellt werden muss und möglicherweise Schutzmaßnahmen koordiniert und kommuniziert werden müssen.

Welche Rolle kommt der GRS dabei zu?

Wir konzentrieren uns auf die Vorgänge in der betroffenen kerntechnischen Anlage. Von unserem Notfallzentrum in Köln aus analysieren wir, was genau abgelaufen ist und wie die Situation zu bewerten ist. Dafür nutzen wir unter anderem verschiedene Datenbanken mit technischen Informationen über die Anlagen. Außerdem haben wir mit spezieller Simulationssoftware eine Vielzahl möglicher Unfallabläufe analysiert und können diese Simulationsergebnisse mit den konkreten Abläufen in einer Anlage abgleichen.

Basierend auf all diesen Informationen, machen wir Abschätzungen hinsichtlich des weiteren Unfallablaufs, zum Beispiel dazu ob, wann wieviel radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen können. Wir schauen uns auch an, welche Notfallmaßnahmen der Betreiber noch durchführen kann. Unsere Ergebnisse übergeben wir dann dem Bundesumweltministerium. Dort wird das radiologische Lagebild erstellt, in das auch die Ergebnisse der anderen beteiligten Institutionen einfließen.

Woher wissen Sie, wann das Notfallzentrum der GRS aktiv werden muss?

Wir haben rund um die Uhr eine Rufbereitschaft – auch am Wochenende und nachts. Außerhalb der Dienstzeit hat immer einer aus der der Belegschaft Bereitschaftsdienst und ist über ein Handy erreichbar. Die Alarmierung läuft über das Bundesumweltministerium. Wir können unsere Notfallorganisation aber auch selbst aktivieren, wenn wir über andere Kanäle erfahren, dass in einem Kernkraftwerk ein Unfall eingetreten ist.

Wie geht es dann weiter?

Wenn wir alarmiert werden, ist die erste Aufgabe, eine Schichtmannschaft zusammenzustellen. Dann werden die Aufgaben verteilt: Wer macht was? Wer hat welche Position? Der nächste Schritt ist, dass wir dem Bundesumweltministerium mitteilen, dass wir einsatzbereit sind. Anschließend wird abgesprochen, wann unser erster Lagebericht an das Bundesumweltministerium verschickt werden soll. Von da an versuchen wir, belastbare Informationen über den Zustand der Anlage zu sammeln: über die Notfallportale der Behörden oder durch Kontaktaufnahme zu relevanten Behörden, Betreibern, TÜVs, ausländischen Institutionen.

Dann versenden wir normalerweise jede Stunde einen Lagebericht. Wenn absehbar wird, dass das Ereignis länger dauert, was bei so einem Unfall immer der Fall sein wird, stellt der erste Schichtleiter einen Schichtplan auf und informiert die Nachfolgeschichten.

Ein nuklearer Notfall ist glücklicherweise nichts Alltägliches, sondern kommt sehr selten vor. Wie bereitet sich die GRS auf den Ernstfall vor?

Unsere tägliche Arbeit ist letztendlich unsere beste Vorbereitung. Wir forschen und arbeiten in allen möglichen Gebieten der Reaktorsicherheit. Relevant für die Arbeit im Notfallzentrum sind beispielsweise die Auswertung der weltweiten Betriebserfahrung in Kernkraftwerken, die Analysen zu möglichen Abläufen von Störfällen und Unfällen. Was passiert da genau? Wann kommt es zur Kernschmelze? Wann kommt es zu Freisetzungen von radioaktiven Stoffen in die Umwelt und in welchen Mengen? Wir haben Kolleginnen und Kollegen, die sich damit beschäftigen, Informationen über den Aufbau von Kernkraftwerken weltweit zusammenzutragen. Wie sind die konstruiert? Welche Sicherheitssysteme gibt es? Welche Maßnahmen für den Notfall gibt es? Dann gibt es Fachleute von uns, die Rechenprogramme entwickeln, mit denen man aus punktuellen Informationen eine Abschätzung zum Unfallablauf machen kann.

Und letztendlich hilft die Kontaktpflege zu anderen in- und ausländischen Partnerorganisationen, um im Bedarfsfall Ansprechpartner im entsprechenden Land zu haben. Abgesehen davon gibt es Übungen in allen Konstellationen.

Wie kann man sich diese Übungen vorstellen?

Das sind bilaterale Übungen mit dem Bundesumweltministerium, Übungen des radiologischen Lagezentrums mit Landesbehörden, Übungen mit Nachbarländern. Einmal im Jahr gibt es eine große Übung. Manche Übungen dauern einen Tag, manche mehrere Tage. Losgelöst davon machen wir während der Dienstzeit interne Übungen, um die Alarmierung, Kommunikationswege und die Arbeitsabläufe zu üben. Daneben konzipiert die GRS auch solche Übungen und wir werten am Ende aus, wie sie gelaufen sind. Für jede Übung gibt es ein fiktives Szenario, das man sich wie eine Art Drehbuch vorstellen kann.

2011 waren Sie nach dem Reaktorunfall in Fukushima bereits im Notfallzentrum der GRS tätig. Können Sie einen Einblick geben, wie die Arbeit des Notfallzentrums damals ablief?

Fukushima fing während der normalen Dienstzeit an. Ein Kollege hatte über Nachrichtenkanäle mitbekommen, dass durch den Tsunami einige Kernkraftwerke in Japan betroffen und in größeren Schwierigkeiten waren. Daraufhin haben wir das Notfallzentrum besetzt. So ist das damals gelaufen.

Wie ging es nach der Alarmierung weiter?

Wir haben versucht, möglichst viel über den Unfall in Erfahrung zu bringen: von diversen Webseiten aus Japan, von den Behörden, vom Betreiber, von kerntechnischen Organisationen, vom Hersteller und vom japanischen Fernsehen. Wir hatten eine japanische Dolmetscherin im Haus, die mit den Kollegen die Live-Berichterstattung verfolgt hat, um möglichst früh Hinweise zu bekommen, was dort abläuft.

Wir mussten uns in kürzester Zeit mit der japanischen Anlagentechnik vertraut machen, von der wir keine speziellen Detailinformationen hatten. Wir hatten nur Informationen zu ähnlichen Anlagen aus vergleichbaren Baureihen. Eine Woche lang haben wir rund um die Uhr im Schichtbetrieb über alle möglichen Kanäle versucht, Informationen zu bekommen. Aber auch danach waren wir noch mehrere Wochen damit beschäftigt, täglich Lageberichte für das Bundesumweltministerium zu erstellen.

Was ist Ihre wichtigste Einsicht - im Sinne von „Learning“ - aus dieser intensiven Zeit?

Da gab es eine ganze Menge. Das simpelste war, dass die Teams ungestört ihrer Arbeit nachgehen können müssen. Wir haben nach Fukushima deshalb eine ganze Etage für das Notfallzentrum umgebaut und mit IT-Infrastruktur ausgestattet. Die Fachteams haben dort jetzt separate Räume, in denen sie arbeiten können. Das ist eine wichtige Errungenschaft. Wir planen heute auch mit deutlich größeren Notfallteams als damals, weil wir gemerkt haben, welch große Mengen an Informationen wir zu bewerten haben und dass wir neben unserer Facharbeit auch in großem Umfang Kommunikations- und Informationswünsche erfüllen müssen.

Die Krisenkommunikation war ein wichtiges Thema. Wir haben bemerkt, wie wichtig es ist, einen Stab Kommunikation zu haben, über den die gesamte GRS-Pressearbeit abgewickelt wird. Für die Fachleute ist es auf Grund der starken Belastung oft gar nicht so einfach, die Erkenntnisse für die interessierte Öffentlichkeit oder die Medien verständlich aufzubereiten.

Außerdem haben wir eine Wissensbasis für den Notfall aufgebaut, die WINO heißt. Wir haben die Datenbasis so konzipiert, dass wir sie im Notfall gut nutzen können. Das heißt, man kann schnell darauf zugreifen und die notwendigen technischen Informationen zum Aufbau eines Kernkraftwerks in wenigen Minuten erfassen. Die uns vorliegenden Informationen sind so aufbereitet, dass auch ein Dritter im Notfall damit klarkommt.

Welche Fähigkeiten und Eigenschaften muss man mitbringen, um operativer Leiter eines Notfallzentrums zu sein?

Zum einen gehört Fachkenntnis über den Aufbau von Kernkraftwerken dazu, von ihren Sicherheitssystemen, Sicherheitsreinrichtungen und Notfallmaßnahmen. Auch über den Ablauf von Störfall- oder Unfallereignissen. Das hilft, um die Detailinformationen einzuordnen, die man im Laufe eines solchen Unfalls bekommt. Neben der Fachkompetenz muss man in der Lage sein, sich auch in solchen Ausnahmesituationen auf die eigentliche Arbeit konzentrieren zu können. Wenn da von allen Seiten gleichzeitig Anfragen und Informationen einströmen, muss man sich und sein Team so organisieren und fokussieren können, dass wir in der Lage sind, die vom Bundesumweltministerium erwarteten Berichte fachlich korrekt und pünktlich abzuliefern.

Eine letzte Frage: Gibt es Aufgaben oder Tätigkeiten bei Ihrer Arbeit als operativer Leiter des Notfallzentrums, die Ihnen besonders Spaß machen? Etwas was Sie fasziniert?

Mich fasziniert dabei, unsere internen Prozesse zu analysieren und so zu gestalten, dass alles gut funktioniert. Bei den Übungen zu sehen, wo es noch hakt und diese dann weiterzuentwickeln. Die Kolleginnen und Kollegen zu schulen, damit wir im Bedarfsfall immer zügiger einsatzfähig werden und die Arbeit möglichst stressfrei und fokussiert ablaufen kann. Damit jeder weiß, was er tun muss.

Vielen Dank für das Gespräch und den Einblick in Ihren Arbeitsalltag, Herr Kreuser!