28 Jahre nach Tschernobyl: Entsorgung von radioaktiven Abfällen in der Ukraine

14.04.2014

Vor 28 Jahren ereignete sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine der bislang schwerste Reaktorunfall der Geschichte. Die Folgen der Katastrophe beschäftigen bis zum heutigen Tage Behörden, Ingenieure, Mediziner und Forscher aus aller Welt. Aus einem internationalen Fond, der von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) verwaltet wird, werden für die Stilllegung des Kraftwerks Tschernobyl ausgewählte Projekte finanziert. Aus diesem Fonds wurden seither 1,5 Milliarden Euro von insgesamt 43 Geberländern in den Standort Tschernobyl investiert.

Vor Ort wird derzeit eine neue Schutzhülle für den zerstörten Reaktorblock gebaut: das sogenannte New Safe Confinement (NSC). Bis 2015 soll das New Safe Confinement fertiggestellt sein und auf Schienen über das zerstörte Reaktorgebäude geschoben werden. Das NSC soll die bestehende provisorische Schutzhülle – den sogenannten “Sarkophag“ – ersetzen. Unter dieser dichten Hülle will die Ukraine den Unfallreaktor dann innerhalb der nächsten 100 Jahre zurückbauen. Die drei anderen unbeschädigten Reaktorblöcke sollen in einen sogenannten überwachten „sicheren Einschluss“ überführt werden. Während des Jahrzehnte dauernden Einschlusses wird die Radioaktivität der Anlagen soweit abklingen, dass die Anlagen anschließend bei geringerer Strahlenbelastung zerlegt werden können. Eine Herausforderung bei der Stilllegung und beim Rückbau stellen die dabei anfallenden radioaktiven Abfälle dar, deren Entsorgung geregelt werden muss.

Radioaktive Abfälle aus Betrieb und Stilllegung
Beim Rückbau des Unfallreaktors und der drei weiteren Reaktorblöcke in Tschernobyl fallen radioaktive Abfälle an. Außerdem lagern noch immer die Abfälle aus der Betriebszeit am Standort. Parallel zum New Safe Confinement werden deshalb auch Anlagen zur Konditionierung und Entsorgung der festen und flüssigen radioaktiven Abfälle gebaut. Mit internationaler Hilfe wird in Tschernobyl ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente (Interim Spent Fuel Storage Facility, ISF2) errichtet. Eine Anlage, mit der flüssige radioaktive Abfälle mit Zement verfestigt werden können (Liquid Radioactive Waste Treatment Plant, LRTP) und eine weitere Anlage zur Konditionierung von festen radioaktiven Abfällen sind fertiggestellt und werden zurzeit in Betrieb genommen.

Entsorgung der Brennelemente
Die Brennelemente der Blöcke 1 bis 3 wurden mittlerweile aus den Reaktoren entfernt und werden in einem Nasslager, in Wasser, zwischengelagert. Das Wasser soll dabei zum einen die Brennelemente abkühlen. Zum anderen schirmt das Wasser die von ihnen ausgehende Strahlung ab. Das Lager wurde 1986, kurz nach dem Reaktorunfall, gebaut und beherbergt zum aktuellen Zeitpunkt rund 21.000 abgebrannte Brennelemente. Die Brennelemente können allerdings nicht auf unbestimmte Zeit nass gelagert werden. Ein Grund dafür ist, dass mehrere von ihnen beschädigt sind und deshalb korrodieren können. Sie sollen deshalb möglichst bald in das Zwischenlager für Brennelemente (ISF2) überführt werden, in dem die Brennelemente die nächsten 100 Jahre lang trocken lagern sollen.

Burjakovka: Endlagerung schwach- und mittelradioaktiver Abfälle aus der Ukraine
Die schwach- und mittelaktiven Abfälle, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl rasch zusammengesammelt wurden, werden derzeit unkonditioniert in Buryakovka gelagert. Die 90 Hektar große Anlage befindet sich 13 Kilometer vom Kernkraftstandort entfernt und liegt somit noch in der 30-km-Evakuierungszone („Exclusion Zone“), die rund um Tschernobyl besteht. Bis heute wurden mehr als 886.000 Kubikmeter Abfälle mit einer Aktivität von rund 2,51x1015 Becquerel in oberflächennahe Gruben gefüllt und mit Erdboden bedeckt. Es wird damit gerechnet, dass die 30 Gruben des Endlagers bis Ende 2014 voll sein werden. Die Kapazitäten sollen erweitert werden, um dort weitere schwachaktive Abfälle aus dem Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl endzulagern.

Neues EU-Projekt zur Entsorgung radioaktiver Abfälle der Ukraine
Die Europäische Kommission finanziert ein weiteres Projekt zum Abfallmanagement in der Ukraine, an dem auch die GRS mitarbeitet. Die GRS ist seit mehr als 14 Jahren an EU-Projekten in der Ukraine beteiligt und vor allem für die ukrainische Genehmigungsbehörde als Sachverständigenorganisation in Sicherheitsfragen zum Abfallmanagement tätig.
Im Projekt soll es nicht nur um die sichere Lagerung von radioaktiven Abfällen aus Tschernobyl, sondern aus der gesamten Ukraine gehen. Die Ukraine betreibt derzeit nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) 15 Reaktoren an vier Standorten. Zwei weitere Reaktoren befinden sich im Bau. Die radioaktiven Betriebsabfälle von allen Reaktoren in der Ukraine sowie die aus Medizin und Industrie sollen in der „Exclusion Zone“ endgelagert werden. Die nötigen Anlagen werden zurzeit errichtet.

Projekte der GRS zu Tschernobyl
Die GRS hat sich in den letzten 28 Jahren intensiv mit dem Unfall in Tschernobyl beschäftigt: von der Analyse des Unfalls und dessen Folgen, über die radiologische Situation am Standort bis hin zur Standsicherheit des Sarkophags. Unter anderem unterstützte die GRS die Ukraine sowie andere osteuropäischer Länder beim Aufbau nuklearer Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden. Bis heute ist die GRS in Projekten beteiligt, mit denen Tschernobyl und seine Umgebung langfristig in einen ökologisch sicheren Zustand überführt werden sollen.

Weitere Informationen
GRS-Projekte zu Tschernobyl
Website des KKW Tschernobyl
Website der EBRD