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Blick auf das Kernkraftwerk Saporischschja in Enerhodar, Ukraine

Kernkraftwerk Saporischschja

In der Nacht zum 4.3.2022 hat das russische Militär das KKW Saporischschja eingenommen. Dabei kam es zu militärischen Auseinandersetzungen, bei denen ein Gebäudekomplex auf dem Gelände des KKW in Brand geriet.

Kurzfristiger Inselbetrieb des KKW

Das KKW Saporischschja war laut einer Meldung des Betreibers Energoatom auf Telegram vom 28.4. aufgrund der Beschädigung einer 330kV-Leitung kurzzeitig in den sogenannten Inselbetrieb übergegangen und versorgte sich lediglich auf Eigenbedarfsniveau. Nach der Reparatur der Leitung speist das KKW laut Meldung vom 29.04. wieder auf vorherigem Niveau Strom ins Landesnetz ein.  

Brand eines Schulungsgebäudes auf dem KKW Gelände

Ab etwa 23:30 (03.03.) bis 0:30 (04.03.) MEZ waren auf einem Live-Stream einer Überwachungskamera des KKW Saporischschja (auf dessen offiziellem YouTube-Kanal) in dem Bereich vor dem Verwaltungsgebäude der Anlage Militärfahrzeuge sowie Rauchentwicklung zu erkennen. Etwa zur selben Zeit veröffentlichte der Betreiber auf der Facebook-Seite des Kraftwerks Informationen über einen gegenwärtigen Angriff russischer Militärkräfte und warnte vor dem Beschuss der Anlage. Im Verlauf des Streams wurden kurzzeitig gegen 1:00 Uhr nach einem Schwenk der Kamera auch die in nördlicher Richtung angrenzenden Reaktorgebäude sichtbar.

Nach erster Einschätzung ging die zwischenzeitlich sichtbare Rauchentwicklung von einem Brand an bzw. in einem Gebäudekomplex aus, der sich ca. 200 m südwestlich vom Verwaltungsgebäude und ca. 300 m von dem ersten der nördlich angrenzenden Reaktorgebäude befindet. Bei diesem Gebäudekomplex handelt es sich um ein Ausbildungszentrum für das technische Personal der Anlage („Navchalʹno Trenuvalʹnyy Tsentr Pidhotovky Remontnoho Personalu "Vp Zaes").

Aufnahmen aus dem Bereich der Reaktorgebäude ergaben keine äußerlich sichtbaren Hinweise auf größere Beschädigungen, der tatsächliche Zustand der Anlagen lässt sich daraus jedoch nicht sicher ableiten.

Einschätzungen der IAEA und der ukrainischen Aufsichtsbehörde SNRIU

Die IAEA teilte dazu am 04.03. mit, dass das Feuer nach Information der ukrainischen Aufsichtsbehörde SNRIU keine „wesentliche Ausrüstung“ beschädigt hat und dass die radiologische Situation auf dem Anlagengelände im Normalbereich sei.

SNRIU informierte in einem Facebook-Post am 04.03., dass nun auch die Blöcke 2 und 3 vom Netz sind. Einzig Block 4 war zu dem Zeitpunkt mit einer Leistung von 690 Megawatt in Betrieb. Die Blöcke 5 und 6 waren bereits in den Tagen zuvor abgeschaltet worden, Block 1 befindet sich in Wartung. 

Laut Meldung von SNRIU am 04.03. wurde das KKW “seized by the military forces of the Russian Federation.” Demnach arbeitet das Betriebspersonal weiter und überwacht den Anlagenbetrieb. Es wurden Begehungen durchgeführt, um eventuelle Schäden auf dem Anlagengelände zu identifizieren. 

Am 04.03. um 15:30 Uhr OZ informierte die Aufsichtsbehörde SNRIU in einem Facebook-Post darüber, dass auf dem Gebiet des Trockenlagers für abgebrannte Brennelemente zwei Artilleriegeschosse gefunden wurden. 

Am Morgen des 05.03. hat die Aufsichtsbehörde SNRIU darüber informiert, dass Block 2 seit dem Abend des 04.03. wieder Strom in das Landesnetz speist. Die Leistung von Block 2 betrage ggw. 750 MW, Block 4 speise mit knapp 1.000 MW Leistung ein; die Betriebsmannschaft des KKW stelle gegenwärtig den Normalbetrieb sicher.

Bereits am Abend des 04.03. und auch am 05.03. hat die Behörde außerdem auf ihrer Facebook-Seite Visualisierungen von sogenannten Ausbreitungsrechnungen für eine hypothetische Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre veröffentlicht. Nach Angaben der Behörde wurden für diese Berechnungen ein Unfallszenario mit Ausfall der Kernkühlung und anschließender Freisetzung sowie die aktuellen Wetterdaten für die kommenden drei Tage unterstellt.

Ausbreitungsrechnung von SNRIU am 04.03. auf Facebook-Kanal der Behörde

Keine erhöhten Strahlungswerte, zwei Hochspannungsleitungen verfügbar

Im Umfeld des KKW Saporischschja sind aktuell keine Abweichungen zu sonst üblichen Werten zu verzeichnen. In ihrer Facebook-Meldung am Morgen des 06.03. informiert die Behörde SNRIU, dass die Betriebsmannschaft des KKW die Überwachung und den Betrieb der Anlagen ausführt. Die Monitoringsysteme zur Radioaktivitätsüberwachung auf dem Anlagengelände funktionieren und zeigen keine Auffälligkeiten, sind jedoch zurzeit nicht öffentlich zugänglich. SNRIU zeigt sich besorgt, dass die Anwesenheit der russischen Besatzer und militärischen Fahrzeuge auf dem Gelände zu psychischem Druck bei der Betriebsmannschaft führt.

Gemeinsam mit der Betreiberin Energoatom und dem Energieministerium hat sich SNRIU daher auch in einem Brief an die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gewandt. Darin fordern sie die Einrichtung einer Überwachungsmission an den kerntechnischen Anlagen der Ukraine.

Von den insgesamt vier aktiven Hochspannungsleitungen ist seit dem Abend des 16.03. nur noch eine verfügbar, wie die IAEA einen Tag später mitteilte. Eine weitere Standby-Leitung steht allerdings für den Notfall zusätzlich bereit. Über die Hochspannungsleitungen speisen Kernkraftwerke in das Stromnetz ein; außerdem werden die sicherheitsrelevanten Systeme von KKW, die nicht in Betrieb sind, in der Regel über die Hochspannungsleitungen mit Energie versorgt.

(Stand: 29.04.2022)