Tschernobyl: Woran wird heute in Tschernobyl gearbeitet?

25.04.2018

© ChNPPEin Überblick zum 32. Jahrestag des Reaktorunfalls

Auch 32 Jahre nach dem Unfall vom 26. April 1986 wird am Standort des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine noch täglich an der Bewältigung der Unfallfolgen gearbeitet. Gegenwärtig liegt der Fokus der Aktivitäten vor Ort auf zwei Aufgaben: der Fertigstellung des sogenannten New Safe Confinement (kurz: NSC) und der Behandlung und Lagerung der abgebrannten Brennelemente sowie der radioaktiven Abfälle, die im Zuge der Aufräum- und Rückbauarbeiten angefallen sind und in Zukunft noch anfallen werden.

New Safe Confinement

Das NSC wurde im November 2016 über den Sarkophag des zerstörten Reaktors geschoben. Seitdem steht die neue Schutzhülle zwar an „ihrem Platz“, die Arbeiten daran sind allerdings noch nicht vollständig abgeschlossen. So müssen unter anderem Abdichtungen in Form von Membranen zwischen der Bogenkonstruktion des NSC und den vorhandenen Gebäudestrukturen montiert werden. Um die Membranen zu befestigen, wurden Ankerhaken an den Gebäuden angebracht. Bei diesen Arbeiten wurden zum Teil unvorhersehbar hohe Strahlungswerte gemessen, was zu größeren Verzögerungen führte. Parallel zu den Arbeiten an den Abdichtungen werden im NSC derzeit elektrische Systeme eingebaut und das Lüftungssystem fertiggestellt sowie die Funktionstests und Abnahmen vorbereitet. Zu den ersten Rückbaumaßnahmen unter dem Schutz der neuen Hülle gehörte die Demontage von Teilen des Dachs der Turbinenhalle. Nach aktuellen Planungen soll das NSC Ende 2018 vollständig in Betrieb genommen werden.

Um zu ermitteln, in welchem Maß das NSC zu einer Verringerung der Strahlenbelastung führt, hat der Betreiber seit dem vergangenen Jahr an mehreren Messpunkten in der Umgebung die Gamma-Ortsdosisleistung gemessen. Nach seinen Angaben haben sich die Werte um das bis zu 20-fache reduziert (vgl. Meldung auf der Betreiberwebseite).  

Umgang mit abgebrannten Brennelementen und radioaktiven Abfällen

Ein neues Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente (Interim Spent Fuel Storage Facility – kurz: ISF-2) mit dazugehörigem Prozessgebäude wird gegenwärtig fertiggestellt und soll dann getestet werden. Hier soll die Behandlung und Verpackung der mehr als 20.000 Brennelemente des Kraftwerksstandorts und schließlich deren Lagerung erfolgen (siehe Abbildung 1). Der Betreiber plant, dass Anfang 2019 mit der Umlagerung der Brennelemente der Blöcke 1-4 in das ISF-2 begonnen werden kann. Der Umladeprozess der Brennelemente vom jetzigen Nasslager ISF-1 in das ISF-2 wird sich voraussichtlich über mehr als sieben Jahre hinziehen.

Abbildung 1: Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente: Das ISF-2 besteht aus einer Anlage zur Behandlung und Verpackung der Brennelemente, in der diese unter anderem getrocknet und gegebenenfalls zerkleinert werden (Bild links) und einer Anlage zur Lagerung der Brennelemente (Bild rechts) (Fotos: EBRD /HOLTEC International).

Zur Behandlung der flüssigen Abfälle auf dem Kraftwerksgelände ist das sogenannte Liquid Radioactive Waste Treatment Plant (kurz: LRTP) errichtet worden. Hier sollen flüssige hochradioaktive Abfälle verfestigt und in Behälter für die langfristige Lagerung verpackt werden. Schätzungen zufolge lagern rund 20.000 Kubikmeter derartiger Abfälle auf dem Anlagengelände. Nach Angaben des Betreibers liegen mittlerweile alle erforderlichen Genehmigungen vor, so dass nun der reguläre Betrieb aufgenommen werden kann.

Die festen radioaktiven Abfälle werden an den Standorten Vektor und Burjakovka innerhalb der Sperrzone gelagert. Am Standort Vektor sind bis heute zwei unterschiedliche Arten der Lagerung realisiert. So ist der Betrieb seit 2009 für Betoncontainer und für lose Festabfälle genehmigt. Zudem gibt es ein oberflächennahes Langzeitzwischenlager für konditionierte schwach- und mittelradioaktive Abfälle. An dem Standort sollen außerdem noch weitere Lagereinheiten für Abfälle aus der Stilllegung und aus dem Rückbau errichtet werden. Das Endlager Burjakovka ist ein 90 Hektar großes oberflächennahes Endlager in 13 Kilometer Entfernung vom Kernkraftwerksstandort Tschernobyl. Die Anlage besteht aus 30 Endlagergräben, in denen die schwach- und mittelaktiven Abfälle, die nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl rasch zusammengesammelt wurden, unkonditioniert gelagert sind. Bis heute wurden dort ca. 700.000 Kubikmeter an Abfällen eingelagert. Auch dieser Standort soll nach den Planungen des Betreibers für die Aufnahme von Abfällen aus dem Rückbau erweitert werden.

Abbildung 2: Oberflächennahes Langzeitzwischenlager für feste radioaktive Abfälle am Standort Vektor. Das Lager besteht aus massiven Betonbauten. In den hallenähnlichen Überbauten befinden sich Kranvorrichtungen, mit denen die Abfallbehälter in die Betoncontainer eingebracht werden (Foto: GRS).

Planungen und Arbeiten zur zukünftigen Nutzung des Areals

Die Arbeiten im Zusammenhang mit dem Rückbau der Reaktoren, der Entsorgung radioaktiver Abfälle und der Sanierung des Anlagengeländes und seiner Umgebung werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen. Die ukrainische Regierung strebt indes an, bereits in naher Zukunft den Standort und die umgebende Sperrzone für andere, ökologisch und ökonomisch sinnvolle Nutzungen, zu erschließen.

In Regierungsbeschlüssen wurde beispielsweise angeregt, in der Sperrzone Einrichtungen der Nuklearindustrie anzusiedeln, die für den Rückbau der Anlagen bzw. für die Lagerung von abgebrannten Brennelementen aus WWER-Anlagen benötigt werden. Als weitere Option ist die Errichtung von Solaranlagen zur Stromgewinnung vorgesehen, da dazu die bestehenden Anbindungen an das Stromnetz genutzt werden können und die Ukraine so den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix vergrößert. Zwischenzeitlich ist in unmittelbarer Nähe zum NSC ein erster Solarpark entstanden.

Arbeiten der GRS zu Tschernobyl

Die GRS befasst sich seit über 30 Jahren mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl und der Bewältigung seiner Folgen. Die Themen reichen von der Analyse des Unfalls und seiner Folgen über die Verbesserung der Sicherheit anderer Reaktoren des gleichen Typs bis hin zur Bewertung der Standsicherheit des alten Sarkophags und Untersuchungen zur radiologischen Situation. Vor und während der Errichtung des NSC unterstützte die GRS die nuklearen Aufsichts- und Genehmigungsbehörden der Ukraine bei der Begutachtung der Sicherheitsdokumentation.

Seit 2007 entwickelt und pflegt die GRS in Fortsetzung der Arbeiten der „Deutsch-französischen Initiative Tschernobyl“ die sogenannte Shelter Safety Status Database (siehe Abbildung 3). Gemeinsam mit ukrainischen Wissenschaftlern werden in der Datenbank bis heute Informationen zur radiologischen Belastung vor Ort systematisch zusammengefasst. Das Monitoring umfasst zum einen Messdaten aus der Luft und dem Grundwasser. Außerdem werden Daten zum Kernbrennstoff und zur Situation im Inneren des Sarkophags gesammelt, wie beispielsweise zur Lage des Kernbrennstoffs oder den dort herrschenden Temperatur- und Strahlungswerten. Auch Ortsdosisleistungen an den Abfalllagerstätten und dem Kühlteich werden erfasst. Die Datenbasis hilft dabei, die weiteren Arbeiten am Standort besser zu planen.

Abbildung 3: Screenshot aus der Shelter Safety Status Database. Schraffierte Flächen zeigen Bereiche,  zu denen Daten zu den sogenannten Abfallgräbern vorliegen. Grüne und rote Rechtecke zeigen  Probenentnahmepunkte von Grundwasser bzw. bodennaher Luft (Abbildung: GRS).

In einem weiteren Projekt arbeitet die GRS gemeinsam mit ukrainischen Wissenschaftlern an einem 3D-Simulationsmodell für thermisch-getriebene radioaktiv kontaminierte Luftströme innerhalb des NSC. Daraus können unter anderem Aussagen zu möglichen Freisetzungen durch Öffnungen oder mögliche Leckagen in die Umgebung abgeleitet werden.

Weitere Informationen

GRS-Aktivitäten zu Tschernobyl
Webseite des Betreibers des Kernkraftwerks Tschernobyl

Publikationen der Deutsch-Französische Initiative:
Studie zur Sicherheit des Sarkophags
Studie zu gesundheitlichen Folgen
Studie zu radioökologischen Konsequenzen