You are here

Häufig gestellte Fragen zum Kernkraftwerk Tschernobyl

Printer-friendly version

Welche Aufgaben nimmt die GRS bei der Bewältigung der Folgen des Unfalls im Kernkraftwerk Tschernobyl wahr?
Die GRS ist im Auftrag des Bundesumweltministeriums, der Europäischen Union und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung fachlich an der Bewertung des Zustandes des zerstörten Reaktors und des Sarkophags beteiligt und unterstützt in diesem Rahmen auch die ukrainische atomrechtliche Aufsichts- und Genehmigungsbehörde bei genehmigungstechnischen Fragen. Dies umfasst im Einzelnen:
Unmittelbar nach dem Unfall am 26. April 1986 begannen umfangreiche Untersuchungen zum Unfallhergang und zum Zustand des verbliebenen Brennstoffs durch die "komplexe Expedition" des Kurtschatow-Instituts Moskau, an der weitere Institute Russlands, der Ukraine und anderer Staaten, einschließlich der GRS, sowie internationaler Organisationen beteiligt waren.
Die GRS hat unmittelbar nach dem Unfall im Auftrag der Bundesregierung begonnen, die Ursachen des Unfalls, seine Folgen und deren Eindämmung sowie darüber hinaus die Sicherheitsmängel der RBMK-Reaktoren (Tschernobyl-Typ) eigenständig wissenschaftlich zu untersuchen. Seit 1992 wurden die Arbeiten weiter intensiviert und werden im Rahmen von bilateralen Unterstützungsprogrammen des Bundesumweltministeriums bis heute fortgesetzt, um vornehmlich die neu gebildete Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde für Reaktorsicherheit und Strahlenschutz der Ukraine bei der Bewältigung der Unfallfolgen zu unterstützen.
Die GRS ist an Projekten der Europäischen Union zur Unterstützung der Behörden im Genehmigungsprozess bei der Entsorgung der stillgelegten Tschernobyl-Blöcke 1 bis 3 beteiligt.
Die GRS arbeitet gemeinsam mit ihrem französischen Partner, dem Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN), im Rahmen der "Deutsch-Französischen Initiative für Tschernobyl" an Projekten zum Sicherheitszustand des Sarkophags sowie zu den ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Unfalls.
Die GRS und IPSN unterstützen zusammen mit der Firma Scientech/USA die ukrainische Behörde beim Shelter Implementation Plan (SIP), dem Genehmigungsverfahren für eine neue Hülle um den zerstörten Block 4.

Worauf stützt sich die Kenntnis der GRS?
Die GRS hat seit nunmehr über 10 Jahren umfangreiche Kenntnisse zum Sicherheitszustand des Sarkophags erworben. Sie hat auf der Basis abgesicherter wissenschaftlicher Daten gemeinsam mit osteuropäischen Instituten detaillierte eigenständige Analysen zu den potenziellen Gefahren, die vom Sarkophag ausgehen, durchgeführt.

Im Rahmen des Projekts "Sicherheitszustand des Sarkophags" der "Deutsch-Französischen Initiative für Tschernobyl" werden alle sicherheitsrelevanten Daten zum bautechnischen Zustand, zu den Anlagen, Systemen, Ausrüstungen und Messinstrumenten, zur radiologischen Situation im Sarkophag, zu den verbliebenen brennstoffhaltigen Materialien und dem radioaktiven Abfall sowie zum Einfluss des Sarkophags auf die Umgebung am Standort (radiologische Situation, Grundwasserkontamination, Abfallgräber usw.) in einer umfangreichen Datenbank erfasst und validiert.

Dieses Wissen steht auch für andere wissenschaftlich-technische Fragestellungen zur Verfügung, z. B. für die notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen des vorhandenen Sarkophags und die Errichtung einer neuen Hülle um den zerstörten Block 4 im Rahmen des Shelter Implementation Plan (SIP). Trotz noch vorhandener Wissenslücken, z. B. bedingt durch verschüttete Räume und hohe Strahlungsfelder, sind die Kenntnisse für die Planungen ausreichend.

Wie viel vom ursprünglichen Kernbrennstoff ist noch im Sarkophag vorhanden? Wie viel Kubikmeter kernbrennstoffhaltiges Material und wie viel radioaktives Material sind nach derzeitigen Annahmen im zerstörten Reaktorgebäude verblieben? Worauf beruhen diese Angaben und wie ist man zu diesen Zahlen gekommen?
Vergleich des BrennstoffvolumensDer Reaktorkern bestand am 26.04.1986 vor dem Unfall aus 1659 Brennstoffkassetten, die insgesamt 190,2 t Kernbrennstoff enthielten.

Verschiedenste Untersuchungen, umfangreiche Messungen und Berechnungen ukrainischer und russischer Fachleute, auch unabhängiger westlicher Expertengruppen sowie internationaler Teams weisen aus, dass etwa 96 % des Kernbrennstoffs in unterschiedlicher Modifikation und an verschiedenen Stellen im Sarkophag verblieben sind. Die gasfötarmigen radioaktiven Spaltprodukte (Edelgase wie Krypton und Xenon) wurden gänzlich und die leicht flüchtigen (wie Jod und Cäsium) wurden in großen Teilen freigesetzt. Die Bilanz des Kernbrennstoffs wurde sowohl durch Messungen der freigesetzten Radioaktivität und der Kontaminationen nach dem Unfall als auch durch Messungen innerhalb des Sarkophags ermittelt.

Einerseits wurden während der aktiven Phase des Unfalls die gasförmigen und luftgetragenen radioaktiven Freisetzungen gemessen und unter Berücksichtigung der meteorologischen Verhältnisse ausgewertet. Außerdem wurden die großflächig abgelagerten radioaktiven Kontaminationen mit internationaler Beteiligung bestimmt. Hieraus lässt sich mit Hilfe wissenschaftlich abgesicherter Modelle ableiten, dass insgesamt etwa 3 - 4 % an radioaktivem Material freigesetzt wurde. Andererseits wurde durch die vielfältigen Messungen und Berechnungen russischer, ukrainischer und weißrussischer Fachleute die im Sarkophag verbliebene Menge abgebrannten Brennstoffs abgeschätzt. Die in den letzten Jahren im Rahmen der "Deutsch-Französischen Initiative für Tschernobyl" durchgeführten Überprüfungen dieser Informationen weisen aus, dass im Inneren des Sarkophags rund 150 t Kernbrennstoff nachgewiesen werden können. Weitere 30 t Kernbrennstoff werden dort vermutet. Ein Vordringen dorthin ist jedoch auf Grund von Verschüttungen und extrem hoher Strahlenpegel bisher nicht möglich.

Auch diese Abschätzung der im Sarkophag enthaltenen Kernbrennstoffmasse stützt die Aussage, dass etwa 96 % des abgebrannten Kernbrennstoffs im Sarkophag verblieben sind.

In dem im Jahre 2001 überarbeiteten Sicherheitsbericht des Sarkophags, für den die GRS derzeit eine so genannte Peer Review durchführt, werden die o. g. Freisetzungsanteile erneut bestätigt.

Verteilung der brennstoffhaltigen Materialien (vereinfacht)Die Verteilung der nachgewiesenen brennstoffhaltigen Massen im Inneren des Sarkophags ist beispielhaft in der Grafik und in der Tabelle dargestellt. Das staubförmig verteilte Material ist in der Grafik nicht dargestellt.

 

Tabelle 1: Verteilung der brennstoffhaltigen Materialien (BHM) in den Räumen des Objektes "Einschluss" (nach: Sicherheitsbericht 2001)
 

Raumbezeichnung Art und Zustand der BHM Brennstoffmasse in t(U)
zentraler Saal Fragmente der aktiven Zone > 21
südliches Abklingbecken Fragmente der aktiven Zone 14,8
obere Räume (+24 m) und zentraler Saal brennstoffhaltiger Staub ~ 30
304/3 Lava 6 ± 2
301/5+301/6+303/3 Lava 4,5 ± 2,5
217/2 Lava 0,4 ± 0,2
305/2+504/2 bis +24 m Fragmente der aktiven Zone, Lava, brennstoffhaltiger Staub 85 ± 25
Dampfverteiler (210/5+210/6+210/7) Lava 12 ± 6
Nasskondensator 2
(012/14+012/15+012/16)
Lava 3 ... 14
Nasskondensator 1
(012/5+012/6+012/7)
Lava 1,9 (+1,0 -0,5)
Kaskadenwand Fragmente der aktiven Zone, brennstoffhaltiger Staub ?
Im Wasser insgesamt gelöste Uransalze ~ 4 kg
Im Standort insgesamt Fragmente der aktiven Zone, brennstoffhaltiger Staub 0,75 ± 0,25

Die Vorstellung, der Kernbrennstoff und die sonstigen radioaktiven Materialien ließen sich - theoretisch - wie in einem Puzzle wieder zu einem Ganzen zusammenfügen, entspricht nicht den realen Bedingungen im Sarkophag. Während und nach der Explosion des Reaktors entstanden aus dem Kernbrennstoff auf Grund physikalischer und thermo-chemischer Prozesse verschiedene Modifikationen, vor allem Fragmente der Brennelemente, lavaartige Massen und Staub, die mit anderen Materialien verschmolzen oder vermischt sind.

Dadurch wurden ursprünglich nicht radioaktive Materialien (Bautrümmer, Schutt) kontaminiert. Das Volumen an radioaktiven Materialien im Sarkophag hat sich dementsprechend drastisch vergrößert. Diese Materialien gehören heute zu den Stoffen, die entsprechend entsorgt werden müssen.

Die Schüttungen aus Sand, Kies und Beton, die nach der Explosion mit Hubschraubern in die offene Ruine abgeworfen wurden, konnten die vorhandenen Hohlräume nicht komplett ausfüllen. Aus diesem Grund muss bei der Abschätzung des Volumens der radioaktiven Materialien die Aktivitätskonzentration, d. h. die pro Kubikmeter enthaltene Radioaktivität, mit berücksichtigt werden, da dies Einfluss auf Art und Technologie einer möglichen späteren Bergung des radioaktiven Materials und deren Entsorgung haben kann. Demzufolge ist eine Angabe des Volumens in Kubikmeter nahezu unmöglich.
Das Volumen der radioaktiven Materialien, die entsorgt werden müssen, wird insgesamt auf mehrere 100.000 Kubikmeter geschätzt.

Was ist von der These Tschetscherows zu halten, es sei wesentlich mehr abgebrannter Brennstoff in der aktiven Phase des Unfalls aus dem explodierten Reaktor freigesetzt worden als die etwa 4 %, die in der einschlägigen Literatur sowie in offiziellen Dokumenten der Ukraine zu finden sind. Dementsprechend wären im heutigen Sarkophag wesentlich weniger als die restlichen etwa 96 % an abgebranntem Brennstoff enthalten. Diese These vertrat Tschetscherow in einer Dokumentation von Sabine Kemper et al., die am 18. Januar 2002 in arte und am 3. Februar 2002 im ZDF ausgestrahlt wurde.
Die These Tschetscherows war bisher nicht Gegenstand einer detaillierten Analyse der GRS. Gleichwohl steht sie in eklatantem Widerspruch zu den dargelegten eigenen Erkenntnissen. Diese werden auch international von der überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler geteilt.

Zur These Tschetscherows äußerte sich der international angesehene Wissenschaftler, Prof. Borowoi, in einer Stellungnahme auf Grund einer Vorschau auf die Sendung in arte. Prof. Borowoi ist seit 1986, dem Jahr der Katastrophe, als einer der verantwortlichen Wissenschaftler maßgeblich an der Untersuchung des Reaktorunfalls und speziell der Verteilung und des Verbleibs der brennstoffhaltigen Materialien beteiligt. Auszüge aus seiner Stellungnahme:
K. Tschetscherow ist weder von seiner Ausbildung noch von der Tätigkeit her, die er im Kurtschatow-Institut bis 1986 ausgeübt hat, ein "Experte für Kernphysik"… Er war 1986 für ungefähr 20 Tage in Tschernobyl und kam dann erst wieder Ende 1988 dorthin, nachdem die wichtigsten Bewertungen über den Brennstoff und die inneren Baukonstruktionen bereits gemacht worden waren.
…Untersuchungen (im üblichen Sinne) konnte Tschetscherow aufgrund seiner Ausbildung nicht durchführen. Er nahm visuelle Beobachtungen vor. Er erwies sich als recht kühner Erkundungsexperte.
Tschetscherow wurde 1996 auf Beschluss der Direktion aus dem Experten-Gremium, das vom Kurtschatow-Institut zum Interdisziplinären Wissenschaftlich-Technischen Zentrum (IWTZ) "Einschluss" abgestellt wurde, ausgeschlossen. Der Grund waren ständige Spekulationen in den Massenmedien über die Tschernobyl-Fragen, die das IWTZ in eine peinliche Lage brachten.
Ein Beispiel für solche Spekulationen ist, dass der Tschernobyl-Unfall vom KGB der UdSSR inszeniert worden sei. Der Beweis: "Ich sah mit eigenen Augen die gelben Spuren von Trinitrotoluol (Sprengstoff), das nach der Explosion auf der Lavaoberfläche zurückblieb." Obgleich er sehr gut wusste, dass Dutzende Analysen der gelben Substanz durchgeführt worden waren, die eindeutig zeigten, dass es sich dabei um Uransalz handelte…
Seit 1992 hat er die Idee zu beweisen, dass im "Einschluss" praktisch kein Brennstoff zurückblieb. Zunächst bewies er, dass im Objekt 30 t davon sind, dann 20 t, jetzt ist er, wie aus dem Beitrag hervorgeht, bei 10 t angekommen. Viele Monate dauerten die Versuche, ihm zu erklären, dass man mit einfachen (und oberflächlichen) Beobachtungen nicht bestimmen kann, wie viel Brennstoff sich unter dem Beton und in den unzugänglichen Ruinen befindet. Aber, wer nicht sehen will, der sieht auch nichts. Ihm wurde aufgezeigt, dass Zehntausende Analysen von Bodenproben, die in der Ukraine, in Russland und Belarus sowie in anderen Ländern genommen wurden, zeigen, dass weniger als 5% des Brennstoffs ausgestoßen wurden und über 95% im "Einschluss" verblieben sind. Er antwortete wiederholt, der Brennstoff schwebe in feinster Verteilung bis heute (10-15 Jahre später) in der Atmosphäre.
In den letzten Jahren (1994 - 2001) haben Dutzende Objektbegehungen von Erkundungsgruppen, Hunderte Analysen von Proben und Bohrkernen, Fotos und Videomaterial bestätigt, dass wir im Inneren des "Einschlusses" ungefähr 150 t Brennstoff ausgemacht haben und zu weiteren 30 t bisher nicht vorgedrungen sind.
Außerdem hat sich durch die Auswertung dreier unabhängiger integraler Methoden (einer thermischen, einer weiteren durch Cäsium-Abreicherung der Lava und einer chemischen) ergeben, dass allein in den brennstoffhaltigen Massen in den Räumen auf der 9-Meter-Kote ca. 90 t Brennstoff enthalten sind. In allen normativen Dokumenten, sogar in den Regierungsdokumenten der Ukraine, werden diese Ziffern verwendet.
Tschetscherow behauptet: "Viele Jahre hielt der sowjetische Geheimdienst dieses Material in geheimen Archiven unter Verschluss." Seit 1989 wurden alle Arbeiten zum "Einschluss" auf Anweisung des Ministeriums nicht mehr vertraulich behandelt. Es gibt keinerlei Geheimnisse. Und das Fotomaterial Tschetscherows: das sind Fotos, die er aus den Unterlagen der "komplexen Expedition" und dem IWTZ entwendet hat, die von Dutzenden Aufklärern gemacht wurden und offen zugänglich in unseren Archiven liegen. Keinerlei Geheimdienste hatten mit ihnen zu tun.
Gemeinsam gehen sie (red. Anm.: gemeint sind die Herren Pflugbeil und Tschetscherow) in den zerstörten Reaktor um herauszufinden, ob der Neubau eines zweiten Schutzmantels über dem zerstörten Reaktor in Wahrheit überflüssig ist.
Wie einfach das doch ist! In den zerstörten Reaktor gehen, die nächsten 2000 - 3000 Rad (red. Anm.: Nicht mehr gebräuchliche Bezeichnung der Strahlendosis: 100 Rad = 1Gray) abbekommen und die Wahrheit feststellen. Wozu die Arbeit von Hunderten Menschen über 15 Jahre, wozu die gewaltigen finanziellen Ausgaben - zahlen Sie einen kleinen Teil des Geldes an Tschetscherow und er wird alles herausfinden. Zahlen Sie, genieren Sie sich nicht! Und er wird alle bloßstellen, vom KGB bis zur Atomlobby.

Die These vom verschwundenen Brennstoff wird in der Dokumentation für arte/ZDF durch nichts belegt, außer durch eine Inaugenscheinnahme durch die Herren Tschetscherow und Pflugbeil in Anwesenheit eines Kamerateams. Diese oberflächliche Prüfung vermag die Ergebnisse vielfältiger internationaler wissenschaftlicher Untersuchungen in keiner Weise in Frage zu stellen. Verglichen mit dem riesigen Volumen, das vom Sarkophag umschlossen wird, ist das Volumen des verbliebenen Brennstoffs mit 190 Tonnen verschwindend gering. Gemäß der in der GRS vorliegenden Informationen über das Innere des Sarkophags kommen alle seriösen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass etwa 95-97% des ursprünglichen radioaktiven Inventars im Reaktorgebäude verblieben sind. Dies wird auch durch Projekte zur Situation im und um das zerstörte Reaktorgebäude, an denen die GRS beteiligt ist, bestätigt.

Kann es zu einer erneuten Explosion des im Sarkophag verbliebenen Kernbrennstoffs kommen?
Der im Sarkophag verbliebene Kernbrennstoff befindet sich in unterschiedlichen Modifikationen, als feste Fragmete der aktiven Zone, als erstarrte Lavamasse, als staubförmiges Material und als gelöste Uran- und Plutoniumsalze im Wasser. Diese brennstoffhaltigen Materialien sind über viele Stellen im Sarkophag verteilt. Sie sind derzeit in einem deutlich unterkritischen Zustand, d. h. ein Wiederaufleben einer nuklearen Kettenreaktion ist auch unter ungünstigsten Bedingungen sehr unwahrscheinlich.

Die Messung der radioaktiven Strahlung im Inneren, insbesondere der Neutronenstrahlung, ist zur Überwachung des unterkritischen Zustandes. In der Zeit um 1995 gab es wiederholt Befürchtungen auf Grund von Messanzeigen der im Inneren des Sarkophags installierten Neutronenüberwachungsdetektoren, dass durch eintretendes Regenwasser lokal möglicherweise ein kritischer Zustand erreicht werden könnte. Diese sind mittlerweile auf Grund der genauerer Messergebnisse und Berechnungen unbegründet.

Tritt aus dem Sarkophag Radioaktivität aus?
Ja. Im Sarkophag verbliebene kernbrennstoffhaltige Aerosolpartikel können sich z. B. durch Öffnungen im Sarkophag nach und auch über den Abluftkamin des Lüftungssystems nach draußen gelangen. Die gesamte freiwerdende Radioaktivität wird durch ein umfangreiche Messprogramme erfasst und dokumentiert. Danach unterschreiten die Emissionswerte für die luftgetragenen radioaktiven Ableitungen seit mehreren Jahren die für den Standort genehmigten Grenzwerte. Signifikante flüssige Ableitungen aus dem Sarkophag in die Umgebung, z. B. hervorgerufen durch Auswaschungen durch eingedrungenes Regenwasser, konnten bisher nicht nachgewiesen werden. Die radioaktiven Kontaminationen des Grundwassers am Standort infolge des ausgeworfenen radioaktiven Materials sanken in den letzten Jahren stark ab und befinden sich derzeit auf einem geringen Niveau.

Wie lange soll der neue Sarkophag halten?
Neuer Sarkophag (New Safe Confinement)Der vorhandene Sarkophag sollte für eine Übergangszeit von 20-30 Jahren die radioaktiven und brennstoffhaltigen Materialien sicher umschließen. Gegenwärtig wird seine Funktion durch Stabilisierungsmaßnahmen aufrechterhalten. An einem neuen Sarkophag, der die Schutzfunktion für weitere 100 Jahre übernehmen soll, wird im Rahmen des international organisierten Shelter Implementation Plans (SIP) gearbeitet. Noch in diesem Jahrzehnt soll dieser den alten Sarkophag umschließen. Damit soll ein Freisetzen der radioaktiven Stoffe aus dem Sarkophag in die Umwelt, z. B. infolge eines Erdbebens, verhindert werden.

Auf welche Informationen stützt sich die GRS bei ihren Analysen über den Zustand des Sarkophags?
Die GRS verfügt über umfangreiche Dokumente und Materialien über die Ruine des zerstörten Reaktorblocks und den darüber errichteten Sarkophag. Es handelt sich dabei u. a. um:

  • den Sicherheitsbericht über den Sarkophag von 1996 und dessen Neufassung von 2001,
  • Unterlagen zu verschiedenen Aspekten seines gegenwärtigen Zustands, z. B. zu den bautechnischen Konstruktionen, zu den verbliebenen brennstoffhaltigen Materialien, zur radiologischen Situation im Sarkophag und am Standort, zur Messinstrumentierung,
  • Vorschläge zur Stabilisierung und Sanierung des Sarkophags,
  • Antragsunterlagen zu Einzelaufgaben im Rahmen des neu zu errichtenden Sarkophags (Shelter Implementation Plan).

Diese Unterlagen wurden überwiegend in größeren ukrainischen und russischen Organisationen (z. B. Kernkraftwerk Tschernobyl, Institut für Bautechnik Kiew, das Interdisziplinäre Wissenschaftlich-Technische Zentrum "Einschluss" der ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Kurtschatow-Institut Moskau), aber auch westlichen Institutionen (z. B. Konsortium Alliance) erarbeitet.

Wie werden die vielfältigen Informationen aus den unterschiedlichen Quellen verarbeitet?
Im Rahmen des Projekts "Sicherheitszustand des Sarkophags" der "Deutsch-Französischen Initiative für Tschernobyl" werden z. B. alle sicherheitsrelevanten Daten zum bautechnischen Zustand, zu den Anlagen, Systemen, Ausrüstungen und der Messinstrumentierung, zur radiologischen Situation im Sarkophag, zu den verbliebenen brennstoffhaltigen Materialien und dem radioaktiven Abfall sowie zum Einfluss des Sarkophags auf die Umgebung am Standort (radiologische Situation, Grundwasserkontamination, Abfallgräber usw.) in einer Datenbank zusammengeführt. Diese wird kontinuierlich mit neuen Daten und aktuellen Informationen ergänzt. Sie hat sich zu einem wirkungsvollen Planungsinstrument entwickelt und steht allen am Projekt Beteiligten zur Verfügung. Sie wurde wiederholt auf wissenschaftlichen Tagungen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Was zeigen die aktuellen Messungen der Strahlensituation im und am Sarkophag? Welches sind die niedrigsten und welches die höchsten zuletzt gemessenen Werte?
Die Strahlungssituation ist in den zugänglichen Räumen gut bekannt und wird in regelmäßigen Abständen gemessen. Sie hängt von der Menge des radioaktiven Materials ab, das dort in fester Form oder als Staub vorhanden ist und der strahlungsabschirmenden Verfüllung mit Beton, Sand usw. Sie ist daher sehr unterschiedlich.

Viele Räume weisen nur einen niedrigen Strahlungspegel auf. In den meisten Räumen auf den unteren Koten beträgt die Ortsdosisleistung (ODL) weniger als 10 mSV/h. In den Räumen des Nasskondensationsbeckens und des Dampfverteilerkorridors, in die lavaartige, brennstoffhaltige Materialien eindrangen, werden über den lavaartigen Brennstoffanhäufungen sehr hohe Werte der ODL von bis zu einigen Zehntausend mSv/h erreicht. Ähnlich hohe Werte werden auch im zerstörten "Zentralen Saal" über Bruchstücken von Brennelementen, die jetzt unter Gebäudetrümmern und Abschirmmaterialien liegen, gemessen.

Die Kontaminationen in den Räumen des an das Reaktorgebäude angrenzenden Entgaserflügels und des Maschinenhauses sind wesentlich geringer als die des zerstörten Reaktorgebäudes. Die ODL liegt hier überwiegend unter 1 mSv/h. Die ODL auf dem Dach des Sarkophags erreicht Werte von bis zu 60 mSv/h über der Rohrabdeckung des "Zentralen Saales".

Zum Vergleich: ODL Werte von mehr als 3 mSv/h sind in deutschen Kernkraftwerken als Sperrbereich zu kennzeichnen.

Wer führt die Messungen durch, wie häufig werden sie durchgeführt und wie ist das Prozedere der Messungen? Gibt es beispielsweise feste Standorte, an denen Messgeräte installiert sind, die regelmäßig abgelesen werden?
Wie auch in westlichen Ländern ist der Betreiber, in diesem Fall Fall das State Specialised Enterprise Chernobyl NPP, für die Durchführung der Messungen nach Vorgabe der Sicherheitsbehörde verantwortlich. Die maßgebliche betriebliche Strahlenschutzordnung legt im Detail fest, wie die Strahlenschutzmessungen durchgeführt und welche Grenzwerte eingehalten werden müssen, wann Warnungen und die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden. Entsprechend dieser Vorschrift werden in gering kontaminierten Räumen regelmäßig Begehungen und Messungen durch das betriebliche Strahlenschutzpersonal durchgeführt. Stark kontaminierte Räume werden durch fest installierte Messkanäle online überwacht. Alle Messanzeigen laufen auf einer zentralen Schalttafel auf. Die Messwerte werden elektronisch ausgewertet und dokumentiert.

Ein spezielles betriebliches Messsystem zur online Überwachung und Diagnostik, vor allem der brennstoffhaltigen Materialien, ist das System "Finish". Die Detektoren dieses Systems registrieren die Dosisleistung der Gamma-Strahlung, den Neutronenfluss, die Temperatur und die Wärmeströme. Das System enthält insgesamt 55 Messkanäle. Mit Hilfe dieses Systems konnte z. B. die Frage beantwortet werden, dass eine Rekritikalität (Wiederaufleben einer Kettenreaktion) in den Brennstofffragmenten nicht zu befürchten ist.

Neben den betrieblichen Messsystemen gibt es weitere Systeme zur online Messung, die Experimentalcharakter haben, z. B. das System "SZR" zur Messung von Neutronenstrahlung.

Welches sind die Hauptstrahlenquellen im Sarkophag?
Querschnitt (west-ost) durch das Objekt "Einschluss" des Kernkraftwerks TschernobylDie Hauptstrahlenquellen im Sarkophag sind die in verschiedenen Modifikationen vorhandenen brennstoffhaltigen Materialien BHM (siehe Abbildung links und Tabelle 1).

Der Reaktorkern bestand am 26.04.1986 vor dem Unfall aus 1659 Brennstoffkassetten, die insgesamt 190,2 t Kernbrennstoff enthielten. Die in der Reaktorruine verbliebene Gesamtmasse an Kernbrennstoff wurde auf der Grundlage von Messungen der nach außen freigesetzten Radioaktivität und durch Messungen der im Sarkophag verbliebenen Radioaktivität ermittelt. Danach sind noch 95 %, entsprechend 180 t, des Kernbrennstoffs in der Ruine. Der Wert kann 2 % nach oben oder unten variieren.

Der Kernbrennstoff innerhalb des Sarkophags kommt in folgenden Modifikationen vor:
kleindispergierter Brennstoffstaub in allen Räumen mit Teilchengrößen von Bruchteilen eines µm bis zu einigen 10 µm,

Bruchstücke der aktiven Zone, vor allem im "Zentralen Saal",

erstarrte lavaartige brennstoffhaltige Massen in den Räumen unterhalb des zerstörten Reaktors,

im Wasser gelöstes Uran, Plutonium und Americium in den unteren Räumen.

Gibt es Messungen, wie viel Radioaktivität derzeit über die Luft aus dem Sarkophag in die Umwelt austritt?
Im Rahmen von Sanierungsmaßnahmen Mitte bis Ende der neunziger Jahre konnte zwar ein großer Teil der anfänglich im Sarkophag vorhandenen Öffnungen geschlossen werden, trotzdem verblieben Schlitze und Spalten mit einer Gesamtfläche von mehreren 100 Quadratmetern, durch die radioaktive Aerosole unkontrolliert entweichen können. Die über den Kamin abgegebenen radioaktiven Aerosole werden kontinuierlich gemessen.

Der insgesamt im Sarkophag vorhandene brennstoffhaltige radioaktive Staub wird auf mehrere Tonnen abgeschätzt. Davon befindet sich ein Teil auf Oberflächen, der aufgewirbelt werden kann. Dieser Anteil wird auf mehrere 10 kg abgeschätzt. Durch periodisches Besprühen mit einer Polymerlösung wird versucht, diesen Staub zu binden. Im "Zentralen Saal" ist seit 1988 ein spezielles Staubbindungssystem installiert. Durch Erosion an den lavaartigen brennstoffhaltigen Massen in den unteren Koten entsteht in geringem Maße neuer brennstoffhaltiger radioaktiver Staub.

Um die Strahlenexposition in der Umgebung des Sarkophags zu ermitteln, werden in der Regel zweimal monatlich an mehreren Stellen die aus der Luft abgelagerten Aerosole gemessen. Die Messungen weisen aus, dass die Aktivitätskonzentrationen für die radioaktiven Spaltprodukte in der Umgebungsluft gegenwärtig unter einigen Tausendstel Bq/m³ und für Transurane (wie Plutonium, Americium) unter einigen Zehnmillionstel Bq/m³ liegen.

Die luftgetragenen radioaktiven Ableitungen konnten durch die Staubbindung drastisch reduziert werden. Die für den Standort Tschernobyl geltenden Grenzwerte für diese Ableitungen werden eingehalten.

Gibt es solche Messungen auch für Radionuklide, die über das Abwasser austreten oder im Boden versickern? Wenn ja, gibt es Angaben, wie hoch das Grundwasser durch Radionuklide, die aus dem Sarkophag austreten, belastet wird?
Lage der BeobachtungsbrunnenAm Standort des Sarkophag strömt das Grundwasser von Süden ein und verlässt den Standort in Richtung Nordosten zum Fluss Pripyat. Die Kontamination des Grundwassers mit radioaktiven Stoffen wird mit Hilfe von Beobachtungsbrunnen überwacht. Ursache sind die nach der Explosion des Reaktors ausgeworfenen radioaktiven Materialien, die teilweise ungehindert ins Erdreich eindringen konnten, bevor sie fixiert oder geborgen wurden. Außerdem befindet sich kontaminierter Boden unter meterhohen Aufschüttungen, die seinerzeit im Zuge der eiligen Errichtung des Sarkophags notwendig waren.

Die Kontamination ist seit 1993 stark zurückgegangen. Gegenwärtig betragen die mittleren Aktivitätskonzentrationen für die wichtigsten Nuklide Strontium-90 und Cäsium-137 nordöstlich des Sarkophags einige Bq/l. Sie liegen unterhalb der für die Ukraine gültigen Trinkwasser-Grenzwerte. Allerdings gibt es große saisonale Schwankungen.

Bisher gibt es trotz gezielter Untersuchungen keine Hinweise, dass aus dem Sarkophag radioaktive Flüssigkeiten in das Grundwasser gelangen.