GRS-Projekte zu Tschernobyl

GRS-Projekte zu Tschernobyl

Am 26. April 2011 jährte sich zum 25. Mal die Katastrophe von Tschernobyl. Bereits kurz nach der Katastrophe hat sich die GRS mit der Analyse des Unfalls und seiner Auswirkungen befasst. Im Juni 1986 legte sie als eine der ersten Institutionen weltweit einen Bericht über den wahrscheinlichen Unfallablauf und dessen Folgen vor.

In den folgenden Jahren befasste sich die GRS intensiv mit der radiologischen Situation am Standort und mit Fragen zur Standsicherheit des unter extremen Bedingungen sowie höchsten ingenieur- und bautechnischen Anstrengungen errichteten Sarkophags. Zu ihren Projekten gehörte auch die Unterstützung der Ukraine sowie anderer osteuropäischer Länder beim Aufbau und späteren Betrieb nuklearer Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden. Auf diesem Arbeitsfeld ist sie heute noch in verschiedene Projekte eingebunden. Zur logistischen Unterstützung dieser Aktivitäten gründete die GRS zusammen mit ihrem französischen Partner IRSN (Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire) Technische Büros in Moskau und Kiew.

Bis heute ist die GRS im Auftrag des Bundesumweltministeriums und internationaler Organisationen wie der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung  in verschiedenen Projekten für Tschernobyl aktiv. Ziel dieser Projekte – wie auch der verschiedenen internationalen Vereinbarungen, die diesen zu Grunde liegen – ist es, den Standort Tschernobyl und seine Umgebung langfristig in einen ökologisch sicheren Zustand zu überführen.

Sammlung von Daten
Um dieses Ziel zu erreichen, sind genaue Kenntnisse der radioökologischen Situation am Standort erforderlich. Seit Mitte der 90er Jahre befasst sich die GRS im Rahmen der Deutsch-Französischen Initiative (DFI) und in bilateralen Projekten wie dem durch das Bundesumweltministerium geförderten Tschernobyl Aktion Plan (TAP) unter anderem mit der Erfassung solcher Daten. Im Projekt TAP-ICC (International Chornobyl Center) entwickelte die GRS zusammen mit ukrainischen Wissenschaftlern die „Shelter Safety Status Database“. In dieser Datenbank werden Daten zur radiologischen Belastung des Umfeldes der Anlage, die beispielsweise durch die direkt nach dem Unfall errichteten provisorischen Abfalllagerstellen hervorgerufen wird, systematisch zusammengefasst. Die Datenbank wird verschiedenen Fachinstitutionen im In- und Ausland sowie dem Betreiber des KKW Tschernobyl zur Verfügung gestellt.

New Safe Confinement
Eine zentrale Rolle für die Überführung des Standortes in einen ökologisch sicheren Zustand spielen der Rückbau und die Entsorgung des zerstörten Blocks 4 und des in ihm noch vorhandenen Kernbrennstoffs (nach Schätzungen sind noch über 90 % im Inneren des Blocks). Gegenwärtig befindet sich der Block 4 unter der Betonkonstruktion, die als „Sarkophag“ bekannt geworden ist. Der Sarkophag wurde kurz nach dem Unfall unter extremen Bedingungen auf den Resten des Reaktorblocks errichtet; seine Standsicherheit ist langfristig nicht gesichert. 1997 haben deshalb die G7-Staaten, die EU und die Ukraine die Verwirklichung des „Shelter Implementation Plan“ (SIP) vereinbart. Der SIP, der gemeinsam von ukrainischen und westlichen Experten erarbeitet wurde, zielt darauf ab, den Sarkophag zu stabilisieren und darüber eine neue, größere Schutzhülle zu errichten – das „New Safe Confinement“ (NSC).

Das NSC soll in Form einer bogenförmigen Metallrohrkonstruktion – ähnlich der mancher Bahnhofsgebäude – mit einer Breite von ca. 257 m, einer Länge von ca. 150 m und einer Höhe von ca. 108 m errichtet werden. An der Konstruktion wird eine doppelwandige Außenhaut angebracht, die das Innere gegen die Außenwelt abdichtet und gegen klimatische Einwirkungen isoliert. In das NSC soll unter anderem eine Krananlage integriert werden, mit der während des späteren Rückbaus große Teile bewegt werden können. Da der Rückbau erst in einigen Jahrzehnten abgeschlossen sein wird, wird das Gebäude auf eine Standzeit von rund 100 Jahren ausgelegt. Aus Gründen des Strahlenschutzes wird das NSC zunächst neben den Blöcken 3 und 4 errichtet und nach Fertigstellung auf Schienen über die Blöcke bzw. den alten Sarkophag geschoben.

Seit der Erteilung des Auftrags zur Errichtung im September 2007 an das europäische Konsortium Novarka wurden Planungsdokumente erstellt und erste Vorarbeiten für das Fundament des NSC ausgeführt. Die GRS unterstützt während der gesamten Planungsphase über die Errichtung bis zur endgültigen Fertigstellung die ukrainische Aufsichts- und Genehmigungsbehörde bei der fachlichen Begutachtung aller sicherheitstechnisch relevanten Fragestellungen.

Abfallbehandlung und -lagerung
Neben dem zerstörten Block 4 sollen auch die Blöcke 1 bis 3 rückgebaut und entsorgt werden. Bereits auf dem Gipfel in Neapel im Juli 1994 entschieden sich die G7-Staaten dazu, die Ukraine durch eine breit angelegte Kooperation in die Lage zu versetzen, das gesamte KKW Tschernobyl stillzulegen. Am 15. Dezember 2000 wurde schließlich der letzte Block endgültig abgeschaltet.

Das Kooperationsprogramm beinhaltet drei Projekte, mit denen der Rückbau und die Entsorgung ermöglicht werden sollen:

  • In der Interim Spent Fuel Storage Facility (ISF-2) sollen die noch im Block 3 befindlichen abgebrannten Brennelemente zwischengelagert werden. Nach einer ersten Bauphase wurden seit 2007 die Planungen geändert; das ISF-2 soll nun fertiggestellt werden.
  • In der Liquid Radwaste Treatment Plant (LRTP) sollen flüssige radioaktive Abfälle konditioniert, d. h. in eine für die Zwischen- bzw. Endlagerung geeignete Form gebracht werden. Diese Abfälle stammen aus dem Betrieb der vier Reaktorblöcke und werden teilweise bereits seit über 30 Jahren am Standort gelagert. Auch das LRTP wartet noch auf seine Fertigstellung.
  • In einer dritten Anlage, die ebenfalls noch nicht vollständig errichtet ist, sollen feste radioaktive Abfälle konditioniert werden. Bei diesen Abfällen handelt es sich sowohl um Betriebsabfälle als auch um solche, die bei der Stilllegung der Blöcke anfallen werden.

Die GRS ist seit über 10 Jahren an diesen Projekten beteiligt. Ihre Aufgabe liegt auch hier in der fachlichen Beratung und Unterstützung der ukrainischen Aufsichts- und Genehmigungsbehörde.