Dossier: Der Reaktorunfall von Tschernobyl
Ablauf und Ursachen des Reaktorunfalls
Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich am Kernkraftwerk Tschernobyl vier Reaktorblöcke der sowjetischen Baulinie RBMK (Reaktor Bolschoi Moschtschnosti Kanalny) in Betrieb. RBMK-Reaktoren sind graphitmoderierte Siedewasser-Druckröhrenreaktoren mit auch damals schon bekannten schwierigen physikalischen Eigenschaften.
Der Unfall am Kernkraftwerk Tschernobyl ereignete sich, als der 4. Block für eine Revision abgefahren werden sollte. Während des Abfahrvorganges war vorgesehen, einen Inbetriebsetzungsversuch nachzuholen. Mit ihm sollten bestimmte Sicherheitseigenschaften für das Not- und Nachkühlsystem überprüft werden.
Während des Versuchs kam es am 26. April 1986 um 1:23 Uhr wegen unvorhergesehener unzulässiger Anlagenzustände zu einem Anstieg der Leistung, der durch die Regelung nicht mehr kompensiert werden konnte. Die eingeleitete Abschaltung per Hand führte durch die Besonderheiten des RBMK-Kerns zu einem extrem schnellen Anstieg der Energiefreisetzung in den Brennelementen, die den Reaktorkern vollständig zerstörte. Die im Brennstoff freigesetzte Energie sorgte auch dafür, dass das umgebende Kühlmittel schlagartig verdampfte. Der so entstandene extreme Druckanstieg im Reaktorkern führte zur Zerstörung des Reaktors und des ihn umgebenden Gebäudes.
Graphitbrand und erste Maßnahmen
Das im Reaktor als Moderator eingesetzte Graphit entzündete sich und es kam zu einem Graphitbrand. Auch auf den angrenzenden Gebäuden kam es durch die herausgeschleuderten Trümmerteile zu verschiedenen Bränden. Nach rund vier Stunden waren die Brände außerhalb des Reaktors gelöscht. Der Versuch, den Reaktorkern mit Wasser zu kühlen, wurde nach zehn Stunden abgebrochen. Die drei anderen Reaktoren wurden abgeschaltet.
Am nächsten Tag begann man damit, den Reaktor über den Einsatz von Hubschraubern mit verschiedenen Materialien zuzuschütten. Dies sollte die Kettenreaktion unterbinden, den Graphitbrand ersticken und die von dem zerstörten Reaktorblock ausgehende Strahlung zumindest teilweise abschirmen.
Unmittelbare Freisetzungen radioaktiver Stoffe in die Umwelt
Durch die Explosion wurde die Reaktorhalle vollständig zerstört. Dabei kam es infolge des Graphitbrands zu einer massiven Freisetzung radioaktiver Stoffe in die Umwelt. Die extreme Hitze des Graphitbrands führte dazu, dass diese Stoffe in große Höhen transportiert wurden. Während des gesamten Zeitraums der Freisetzung von etwa zehn Tagen änderten sich die Wetterbedingungen in der näheren und weiteren Umgebung des Standortes erheblich.
Die freigesetzten radioaktiven Stoffe wurden zunächst in nordwestliche Richtung über Weißrussland bis nach Finnland und in den mittleren und nördlichen Teil von Schweden transportiert. Am 27. April drehte der Wind in westliche Richtung. Der Weg der radioaktiv kontaminierten Luftmassen führte über Polen, Tschechien, Österreich nach Süddeutschland, wo sie zwischen dem 30. April und dem 1. Mai eintrafen. Die Fahne breitete sich anschließend in nordwestlicher Richtung über den westlichen Teil Deutschlands und den Nordosten Frankreichs aus und erreichte am 2. Mai Großbritannien und Schottland.
Während dieser Zeit bildete sich am Unfallort eine weitere Ausbreitungsfahne Richtung Osten aus, die eine schwächere Kontamination bis in den Raum südlich von Moskau verursachte. Die dem Kraftwerk nahegelegene Großstadt Kiew blieb außerhalb der Hauptwege der Ausbreitung. Die Höhe der jeweils örtlich aufgetretenen Kontaminationen resultierte aus der jeweiligen Intensität der Regenfälle (Auswaschen der Radioaktivität aus der Luft), sodass es lokal zu unterschiedlichen starken Belastungen kam.
Deterministische und stochastische Strahlenschäden
Bei der Bewertung gesundheitlicher Auswirkungen ionisierender Strahlung wird in der Strahlenmedizin und im Strahlenschutz grundsätzlich zwischen sogenannten deterministischen und stochastischen Schäden unterschieden:
Deterministische Schäden treten erst oberhalb bestimmter Dosis‑Schwellenwerte auf. Wird diese Schwelle überschritten, ist der Schaden sicher zu erwarten; mit zunehmender Dosis nimmt zudem seine Schwere zu. Ursache ist eine massive Schädigung oder der Verlust vieler Zellen in einem Gewebe. Typische Beispiele sind Hautrötungen und ‑verbrennungen, Haarausfall, Schädigungen des Knochenmarks oder – bei sehr hohen Ganzkörperdosen – das akute Strahlensyndrom, umgangssprachlich oft als „Strahlenkrankheit“ bezeichnet. Erste klinisch relevante Symptome des akuten Strahlensyndroms treten bei einer akuten Ganzkörperdosis von etwa einem Sievert (kurz: Sv; entspricht 1.000 Millisievert (mSv)) auf. Bei Dosen oberhalb von 4–5 Sv steigt die Sterblichkeit ohne intensive medizinische Behandlung stark an, oberhalb von 6–8 Sv ist das akute Strahlensyndrom in der Regel tödlich.
Stochastische Schäden hingegen – dies sind insbesondere Krebserkrankungen und Schädigungen des Erbguts – folgen einem anderen Wirkprinzip: Mit steigender Dosis erhöht sich nicht die Schwere einer Erkrankung, sondern lediglich ihre Eintrittswahrscheinlichkeit. Dabei gilt generell, dass sich strahlenbedingte Krebserkrankungen klinisch nicht von spontan auftretenden Krebsfällen unterscheiden lassen, sodass sich entsprechende Effekte nur statistisch in großen Bevölkerungsgruppen erfassen lassen. Eine statistisch belastbare Risikoerhöhung lässt sich erst ab Dosen von etwa 100 mSv erkennen, wie sie beispielsweise bei Überlebenden der Atombombenabwürfe in Japan beobachtet wurden; ab diesem Wert erhöht sich das allgemeine Risiko, an Krebs zu erkranken, um etwa einen Prozentpunkt.
Eine untere Dosisschwelle, unterhalb derer keine Risikoerhöhung gegeben ist, konnte hingegen bis heute nicht nachgewiesen werden. Für den Strahlenschutz wird zur Beschreibung dieses Zusammenhangs üblicherweise das sogenannte Linear‑No‑Threshold‑Modell (LNT‑Modell) verwendet. Es geht davon aus, dass das Krebsrisiko proportional zur Dosis bis hinunter zu sehr niedrigen Dosen linear ansteigt. Das Modell dient primär als vorsorgliches Planungs‑ und Bewertungsinstrument, nicht als präzise Vorhersage individueller Krankheitsfälle.
Deterministische Schäden nach dem Unfall von Tschernobyl
Die schwersten deterministischen Gesundheitsschäden infolge des Unfalls vom 26. April 1986 traten bei Beschäftigten des Kernkraftwerks und bei Einsatzkräften auf, die in den ersten Stunden und Tagen extrem hohen Strahlendosen ausgesetzt waren. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Ausschusses der Vereinten Nationen für die Wirkungen ionisierender Strahlung (UNSCEAR) entwickelten 134 Personen ein akutes Strahlensyndrom; 28 von ihnen starben bis Ende 1986 an den unmittelbaren Folgen der Strahlenexposition.
In der übrigen Bevölkerung der betroffenen Regionen wurden keine deterministischen Strahlenschäden festgestellt. Die Strahlendosen lagen dort deutlich unter den bekannten Schwellenwerten für solche Effekte. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigten auch spätere medizinische Untersuchungen, dass akute oder chronische Gewebeschäden außerhalb der hoch exponierten Gruppen nicht beobachtet wurden.
Stochastische Schäden: Ergebnisse internationaler Organisationen
Im Mittelpunkt der langfristigen wissenschaftlichen Aufarbeitung stehen mögliche stochastische Spätfolgen, insbesondere Krebserkrankungen. UNSCEAR und WHO zufolge gilt ein deutlicher Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Personen als gesichert, die zum Zeitpunkt des Unfalls Kinder oder Jugendliche waren und in stark kontaminierten Gebieten von Belarus, der Ukraine und Russland lebten. Hauptursache war die Aufnahme von radioaktivem Jod‑131 über kontaminierte Milch und Lebensmittel.
Bis 2015 wurden in diesen Ländern mehr als 19.000 Schilddrüsenkrebsfälle bei ehemals minderjährigen Personen diagnostiziert; der überwiegende Teil dieser Erkrankungen gilt nach Einschätzung von UNSCEAR und WHO als strahlenbedingt. Die Prognose ist in den meisten Fällen günstig, dennoch wurden mehrere Dutzend Todesfälle in direktem Zusammenhang mit diesen Erkrankungen berichtet.
Für andere Krebsarten oder für die Gesamtmortalität konnte bislang kein eindeutiger, statistisch belastbarer strahlenbedingter Anstieg in der Allgemeinbevölkerung nachgewiesen werden. Der sogenannte Chernobyl Forum Report, getragen von WHO, UNSCEAR und der Internationalen Atomenergie‑Organisation (IAEO), schätzt, dass unter den am stärksten exponierten rund 600.000 Personen (Liquidatoren, Evakuierte, Bewohner stark kontaminierter Gebiete) langfristig bis zu etwa 4.000 zusätzliche Krebstodesfälle auftreten könnten – eine Zahl, die jedoch in Abgrenzung zu den in einer so großen Personengruppe durch andere Ursachen hervorgerufenen Krebserkrankungen epidemiologisch kaum direkt nachweisbar ist.
Abweichende Schätzungen und methodische Unsicherheiten
Einige Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace und IPPNW sowie einzelne Publikationen wie der TORCH-Report („The Other Report on Chernobyl“) kommen zu deutlich höheren Abschätzungen und sprechen teils von zehntausenden oder sogar über hunderttausend zusätzlichen Todesfällen durch den Unfall in Europa. Diese Zahlen beruhen überwiegend auf Modellrechnungen, bei denen sehr geringe individuelle Dosen über große Bevölkerungen hinweg zu sogenannten Kollektivdosen aufsummiert und mithilfe des LNT‑Modells in erwartete Krebsfälle umgerechnet werden. Solche Vorgehensweisen sind wissenschaftlich stark umstritten.
Bei niedrigen Dosen – im Bereich weniger Millisievert – ist eine messbare Erhöhung des Krebsrisikos epidemiologisch nicht nachweisbar. Die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) weist daher ausdrücklich darauf hin, dass eine Anwendung des LNT‑Modells auf sehr niedrige Kollektivdosen – wie sie nach Tschernobyl in weiten Teilen Mittel‑ und Westeuropas vorlagen – nicht zur quantitativen Abschätzung konkreter Opferzahlen geeignet ist. Eine solche Nutzung könne zu einer systematischen Überschätzung möglicher Folgen führen und solle nicht als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden.
Psychische und psychosoziale Folgen
Es gilt schließlich als anerkannt, dass der Unfall von Tschernobyl über die vorgenannten Gesundheitsschäden hinaus insbesondere in den am stärksten betroffenen Teilen der Bevölkerung auch zu einem erhöhten Aufkommen an Stresssymptomen, psychosomatischen Beschwerden und psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen bis hin zu einer erhöhten Suizidrate geführt hat; ähnliche Befunde sind auch als Folgen des Reaktorunfalls in Fukushima bekannt. Eine deutsche Studie aus dem Jahr 2016 (Danzer, N. und Danzer, A.M., "The Long-Run Consequences of Chernobyl: Evidence on Subjective Well-Being, Mental Health and Welfare.") kommt darüber hinaus zu dem Schluss, dass diese psychischen Folgen in Teilen der ukrainischen Bevölkerung zu einer verringerten Lebenszufriedenheit und einer höheren Abhängigkeit von Sozialtransfers führt.
Weitere ausführlichere Informationen zu den gesundheitlichen Folgend des Unfalls von Tschernobyl bietet das Bundesamt für Strahlenschutz auf seiner Webseite an.
Ein Sarkophag als provisorischer Schutzmantel
Noch 1986 wurde über den zerstörten Reaktor ein provisorischer Schutzmantel aus Beton und Stahl errichtet: der sogenannte Sarkophag. Wegen der hohen Strahlenwerte konnten nicht alle Bauteile miteinander verschweißt oder verschraubt werden. Sie wurden deshalb zum Teil lediglich aufeinandergesetzt.
In einem Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk wurde außerdem eine Sperrzone eingerichtet, die auch heute nur mit Genehmigung betreten werden darf.
New Safe Confinement als neue Schutzhülle
Der Sarkophag war für eine Standzeit von rund 30 Jahren konzipiert. Die G7-Staaten, die EU und die Ukraine vereinbarten 1997 deshalb, dass eine neue schützende Hülle über dem zerstörten Reaktor errichtet werden sollte.
Das sogenannte „New Safe Confinement“ (NSC) wurde 2016 über den alten Sarkophag geschoben, um den Austritt von radioaktiven Stoffen für mindestens 100 Jahre einzudämmen und gleichzeitig die Bedingungen für einen kontrollierten Rückbau zu ermöglichen.
Im August 2021 startete nach Erteilung der Betriebsgenehmigung durch die atomrechtliche Behörde SNRIU der reguläre Betrieb des NSC. Geplant war, bis Ende 2023 alle unter der Hülle des NSC befindlichen instabilen Strukturen des alten Sarkophags abzubauen. Die verbliebenen Baustrukturen sowie die drei anderen Reaktorblöcken sollten bis 2065 zurückgebaut werden. Aufgrund des andauernden Krieges und nach dem Angriff einer russischen Kampfdrohne im Februar 2025, der zu erheblichen Schäden am NSC führte, verzögern sich diese Arbeiten jedoch auf unbestimmte Zeit (siehe Abschnitt unten).
Anlagen zur Konditionierung und Entsorgung
Zwischenlager für Brennelemente: „Interim Spent Fuel Storage Facility“ (ISF)
Eine wesentliche Herausforderung bei der Sanierung des Standorts liegt in der sicheren Entsorgung der radioaktiven Abfälle aus Betrieb und Rückbau. Am Standort gibt es ein Nasslager für abgebrannte Brennelemente - „Interim Spent Fuel Storage Facility“ (ISF-1). Dieses soll durch ein neues Brennelemente-Zwischenlager (ISF-2) ersetzt werden. Das neue Zwischenlager erhielt im April 2021 seine atomrechtliche Genehmigung. Mehr als 21.000 abgebrannte Brennelemente aus den Blöcken 1 bis 3 sollen hier in Betonmodulen für mindestens 100 Jahre trocken gelagert werden. Rund 2.000 der aktuell im Nasslager ISF-1 gelagerten abgebrannte Brennelemente sind bereits in das ISF-2 umgeladen.
Umgang mit flüssigen radioaktiven Abfällen: Liquid Radwaste Treatment Plant“ (LRTP)
Die Anlage zur Konditionierung von flüssigen radioaktiven Abfällen „Liquid Radwaste Treatment Plant“ (LRTP) erhielt ebenfalls 2021 ihre offizielle Betriebsgenehmigung. Die Anlage bereitet die flüssigen Abwässer auf, die während des Betriebs des Kernkraftwerks angefallen sind. Im Jahr 2021 wurden mehr als 4.000 Gebinde behandelter flüssiger Abwässer hergestellt. Nach einer mindestens 28-tägigen Wartezeit können die endlagergerecht vorbereiteten Abfälle in das oberflächennahe Endlager „Engineered Near Surface Disposal Facility“ (ENSDF) für schwach- und mittelradioaktive Abfälle überführt werden. Die Betriebsgenehmigung der Anlage war bereits im Dezember 2014 erteilt worden. Die Betriebsgenehmigung des LRTP war wegen des Krieges zwischen dem 26. April und 15. August 2022 ausgesetzt.
Umgang mit festen radioaktiven Abfällen: Industrial complex for solid radioactive waste management (ICSRM)
Im Industriekomplex für feste radioaktive Abfälle aus der Stilllegung des Kernkraftwerks Tschernobyl sollen feste Abfälle so aufbereitet und verpackt werden, dass sie für eine Endlagerung im ENSDF bereit sind. Ende 2021 startete die letzte Inbetriebnahme-Phase, die sogenannten „hot tests“, für den ICSRM. Dabei wird die Anlage in einem Modus betrieben, der den zukünftigen Bedingungen möglichst nahekommt. Zum Beispiel werden in dieser Phase testweise bereits radioaktive Materialien bearbeitet. Die Arbeiten konnten am 26. August 2022 abgeschlossen werden.
Sobald alle erforderlichen Dokumente erstellt sind, soll die endgültige Betriebsgenehmigung für das ICSRM erteilt werden.
Zentrales Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente (CSFSF)
Im Jahr 2021 wurde innerhalb der Sperrzone zudem das zentrale Zwischenlager (CSFSF) für abgebrannte Brennelemente der Kernkraftwerke Riwne, Südukraine und Chmelnyzkyj bautechnisch fertiggestellt. Das Kernkraftwerk Saporischschja verfügt über ein eigenes Zwischenlager. Container mit abgebrannten Brennelementen wurden im CSFSF bislang noch nicht eingelagert. Das liegt zum einen daran, dass die dafür benötigten Eisenbahnlinie noch nicht fertiggestellt ist, über die die Transporte von den KKW-Standorten nach Tschernobyl stattfinden sollen. Zum anderen standen zuletzt noch Genehmigungen von Seiten der atomrechtlichen Aufsichtsbehörde aus.
Ukraine-Krieg: Situation auf dem Anlagengelände und in der Sperrzone
Vom 24. Februar bis zum 31. März 2022 befand sich das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks in Tschernobyl und die umliegende 30-km-Sperrzone unter der Kontrolle des russischen Militärs. Beim Eindringen der russischen Truppen in die Sperrzone stieg die an verschiedenen Messpunkten registrierte Ortsdosisleistung teilweise um das bis zu 30-fache der sonst üblichen Werte an, stellten jedoch keine unmittelbare Gefährdung für die dort Anwesenden dar. Die ukrainische Aufsichtsbehörde führte den Anstieg darauf zurück, dass russische Militärfahrzeuge radioaktiv kontaminierten Staub aufgewirbelt hatten. Wie unter anderem die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO) mitteilte, soll es auf dem Anlagengelände selbst zu keinen größeren Kämpfen oder Beschädigungen gekommen sein.
Aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen in der weiteren Umgebung der Sperrzone fiel vom 9. bis 14. März die Anbindung des Standortes an das externe Stromnetz aus. Die Anlagen, die auf dem Kraftwerksgelände auf externe Stromversorgung angewiesen sind - zum Beispiel das Nasslager für abgebrannte Brennelemente (ISF-1) - mussten längere Zeit über Notstromdiesel versorgt werden.
Das Betriebspersonal am Kraftwerksstandort arbeitete unter äußerst belastenden Umständen. Der erste Personalwechsel nach der Besetzung fand erst nach vier Wochen Dauereinsatz am 21. März statt. Nach dem Ende der Besatzung ist der reguläre Austausch der Betriebsmannschaft wieder aufgenommen. Dieser gestaltet sich aber weiterhin schwierig, da die direkte Verbindung zwischen Kraftwerk und Wohnort (Slawutytsch) zerstört ist und außerdem durch Belarus führt. Es muss daher ein großer Umweg in Kauf genommen werden. Die Reisezeit zwischen Kraftwerk und Wohnort soll daher ca. 7 Stunden betragen.
Im Zuge der Besatzung ist das Labor in der Sperrzone geplündert und zerstört worden. Die ukrainische Aufsichtsbehörde setzte am 26. April 2022 mehrere Genehmigungen aus, die hauptsächlich Arbeiten der Stilllegung und Konditionierung betreffen. Sie begründete die Entscheidung damit, dass aufgrund der Auswirkungen der russischen Besetzung das Einhalten der Normen und Vorschriften zur nuklearen und Strahlungssicherheit nicht gewährleistet werden könne. Im August 2022 wurden alle Genehmigungen für die Entsorgung radioaktiver Abfälle in Tschernobyl nach gutachterlicher Prüfung wieder erteilt.
Schäden am New Safe Confinement
Am 14. Februar 2025 traf eine russische Kampfdrohne das New Safe Confinement. Sie zerstörte in einem Bereich von etwa 15 Quadratmetern die innere und äußere Verkleidung der Schutzhülle und beschädigte außerdem die darunterliegende Tragkonstruktion des NSC und die Wartungswerkstatt des Hauptkransystems. Infolge des Einschlags bildeten sich an der Kunststoffmembran zwischen den Dämmschichten der äußeren Verkleidung des NSC zahlreiche Schwelbrände. Um diese zu löschen, musste die äußere Verkleidung an mehr als 300 Stellen geöffnet werden. Ebenfalls schwer beschädigt wurde die sogenannte Sicherheitsmembran, die das NSC an den Stellen abdichtet, an denen alte Gebäudeteile seitlich aus der neuen Schutzhülle herausragen (betrifft Stellen im südlichen und östlichen Bereich des NSC). Laut offiziellen Stellen gab es nach dem Einschlag keine Hinweise auf eine erhöhte Freisetzung radioaktiver Stoffe.
Seit dem Drohneneinschlag erfolgten detaillierte Schadensanalysen durch ukrainische Fachbehörden in Zusammenarbeit mit der IAEO sowie internationalen Expertenteams. Dabei wurde bestätigt, dass die tragende Stahlstruktur des NSC weiterhin grundsätzlich stabil ist, jedoch zentrale Funktionselemente – insbesondere Teile der Dachmembran sowie Dicht- und Lüftungssysteme und Teile der in das NSC integrierten Krananlage – infolge des Drohneneinschlags und der nachfolgenden Brände teils erheblich beschädigt wurden. Damit sind die zwei wesentlichen Hauptfunktionen des NSC – der dauerhafte luftdichte Einschluss radioaktiver Stoffe und die Bereitstellung der für Rückbauarbeiten benötigten Infrastruktur – aktuell nicht mehr in vollem Umfang gegeben. Die fehlende luftdichte Umschließung ist dabei auch insofern kurzfristig sicherheitsrelevant, als dass bei einem Kollaps von instabilen Strukturen des alten Sarkophags ein Austritt aufgewirbelter kontaminierter Stäube aus dem NSC möglich wäre.
Unmittelbar eingeleitete Sicherungsmaßnahmen umfassten die provisorische Abdichtung beschädigter Bereiche, den Schutz vor Witterungseinflüssen sowie die Stabilisierung betroffener Hüllstrukturen. Parallel wurde das radiologische Monitoring intensiviert; nach Angaben der IAEO ergaben alle Messungen bislang keine Hinweise auf eine erhöhte Freisetzung radioaktiver Stoffe. Neben den offensichtlichen Schäden am NSC liegt das Augenmerk der Fachleute insbesondere auf korrosionsbedingten Materialbelastungen, die sich durch die eingeschränkte Verfügbarkeit der technischen Systeme des NSC (z. B. Lüftung) ergeben. Diese neuen Bedingungen können sich auf die Lebensdauer und die Funktionsfähigkeit der Stahl- und Dichtungselemente der Konstruktion auswirken. Aus diesem Grund wird die vollständige Wiederherstellung der vorgenannten Hauptfunktionen des NSC als zeitkritisch bewertet.
Nach aktuellem Planungsstand sollen deshalb bis etwa 2030 schrittweise Instandsetzungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen umgesetzt werden. Diese folgen einem dreistufigen Ansatz: In einer ersten Phase werden technische Grundlagen und Schadensdaten konsolidiert, in einer zweiten Phase werden daraus konkrete Reparaturkonzepte und eine Gesamtstrategie entwickelt, und in einer dritten Phase erfolgt die detaillierte Ausarbeitung bis hin zur Vorbereitung der Umsetzung und Beschaffung von Komponenten. Ziel ist es, die Einschlussfunktion des NSC wieder vollständig herzustellen und die Voraussetzungen für den langfristig vorgesehenen Rückbau der unter dem NSC befindlichen Altstrukturen erneut zu sichern.
Aktuelle Informationen zur kerntechnischen Sicherheit in der Ukraine finden sich in unserem Informationsbereich Ukraine.
Tschernobyl: Arbeiten der GRS
Die GRS befasst sich seit 1986 mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl und dessen Folgen. Dies umfasst sowohl die wissenschaftliche Aufarbeitung des Unfalls als auch die Unterstützung der Behörden vor Ort.
GRS-Experten sammeln Daten zur radiologischen Situation und zu Waldbränden
Seit 2006 entwickelt die GRS zusammen mit ukrainischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die „Shelter Safety Status Database“ (SSSDB). In der Datenbank werden Daten zur radiologischen Situation vor Ort gesammelt, die in Zusammenarbeit mit ukrainischen Fachleuten erhoben werden. Mithilfe der Datenbank lassen sich geographisch korrekte Übersichtskarten mit Messwerten sowie dreidimensionale Ansichten des Betriebsgeländes einschließlich des Sarkophags und des New Safe Confinements einsehen. Die Daten umfassen Angaben zu Radionuklidaktivitäten in Grund- und Oberflächenwasser, bodennaher Luft, sogenannte “Waste Dumps“ (Abfallgräber) und auch von Waldbränden.
Die gesammelten Daten zu den Waste-Dumps-Standorten konnten für eine erste Einordnung genutzt werden, als während der Besetzung des Kernkraftwerks Tschernobyl Berichte von erhöhten Strahlungsdosen bei russischen Soldaten nach dem Ausheben von Gräben aufkamen.
In der Sperrzone kam es in den vergangenen Jahren in den trockenen Jahreszeiten immer wieder zu Waldbränden, die im Jahr 2020 ein besonders großes Ausmaß erreichten. Die Brände können dazu führen, dass radioaktive Partikel aufgewirbelt werden und in die Atmosphäre gelangen. In der Datenbank sind insgesamt über Tausend Waldbrände aus dem Zeitraum 1993 bis 2020 erfasst. Die Aktivitätswerte sind in der Datenbank zusammen mit weiteren Parametern abgespeichert, um mögliche Zusammenhänge zwischen den Bränden und belasteter Luft besser untersuchen zu können.
Projekt zum Umgang mit kernbrennstoffhaltigen Materialien in Tschernobyl
In einem Projekt, an dem die GRS zusammen mit der ukrainischen Technischen Sachverständigenorganisation SSTC/NRS arbeitet, soll das Verhalten der kernbrennstoffhaltigen Materialien innerhalb des Sarkophags und die damit zusammenhängenden radiologischen Auswirkungen systematisch analysiert werden.
Diese Arbeiten knüpfen an frühere gemeinsame Untersuchungen zur Überwachung von offenen Kernbrennstoffen im Sarkophag bis zu ihrer Bergung und Endlagerung an. Ebenso sollen damit die Arbeiten zur Analyse von Faktoren fortgesetzt werden, die auf den Zustand des Kernbrennstoffs einen wesentlichen Einfluss haben.