CASTOR®-Transport von Sellafield ins Zwischenlager Brokdorf: Einordnung radiologischer Messwerte
Nach den Vorgaben des Atomgesetzes sind hochradioaktive Abfälle, die aus der früheren Wiederaufarbeitung deutscher Kernbrennstoffe in den Anlagen Sellafield in Großbritannien und La Hague in Frankreich stammen, nach Deutschland zurückzuführen. Die dabei angefallenen flüssigen, hochradioaktiven Abfälle wurden verglast und in sogenannte Kokillen abgefüllt. Für deren Transport kommen CASTOR®-Behälter des Typs HAW28M zum Einsatz.
Die Rückführung der entsprechenden Abfälle aus Frankreich konnte im November 2024 abgeschlossen werden. Mit dem bevorstehenden Transport werden die letzten sieben Behälter aus Sellafield zunächst per Schiff und dann von einem deutschen Nordseehafen in das Zwischenlager Brokdorf verbracht.
Arbeiten der GRS
Gefördert durch das Bundesumweltministerium wertet die GRS im Rahmen von Forschungsvorhaben zur Sicherheit beim Transport radioaktiver Stoffe regelmäßig Messdaten zur sogenannten Ortsdosisleistung (ODL) aus. Diese wird durch die Gamma- und Neutronenstrahlung der beladenen Transportbehälter verursacht und beschreibt die Strahlendosis, die eine Person an einem bestimmten Ort innerhalb eines festgelegten Zeitraums – üblicherweise einer Stunde – aufnehmen würde.
Genehmigungsmaßstab
Die ODL-Werte sind ein zentrales Kriterium für die Erteilung einer Transportgenehmigung durch das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung: Eine solche darf nur erteilt werden, wenn nachgewiesen ist, dass der gesetzlich festgelegte Grenzwert von 100 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h) in einem Abstand von zwei Metern zur senkrechten Außenfläche des Transportfahrzeugs eingehalten wird.
In der Maßeinheit Sievert (Sv) werden verschiedene Dosisgrößen angeben, beispielsweise die sogenannte „effektive Dosis“. Diese ist ein Maß für die Strahlenexposition eines Menschen, wobei bei der Bestimmung der effektiven Dosis mitberücksichtigt wird, dass unterschiedliche Arten von menschlichem Gewebe unterschiedlich empfindlich auf ionisierende Strahlen reagieren. Da 1 Sv bereits ein sehr großer Wert ist, verwendet man in der Regel die Einheiten Millisievert (mSv) und Mikrosievert (µSv). Dabei gilt: 1 Sievert = 1.000 mSv = 1.000.000 µSv.
Zur Einordnung gibt das Bundesamt für Strahlenschutz typische Werte einer effektiven Dosis an, darunter zum Beispiel:
- 0,01 Millisievert pro Jahr Rechnerisch ermittelte Größenordnung der jährlichen Höchstdosis der Bevölkerung in Deutschland durch Kernkraftwerke im Normalbetrieb (Diese Berechnungen gehen von konservativen Annahmen unter anderem des Aufenthaltsortes und der Ernährung aus, so dass die tatsächlichen Expositionswerte darunter liegen.)
- 0,01–0,03 Millisievert pro Aufnahme Typischer Dosisbereich bei einer Röntgenaufnahme des Brustkorbs (Thorax)
- bis zu 0,1 Millisievert pro Flug Dosis durch Höhenstrahlung bei einem Flug von München nach Japan
- 2 Millisievert pro Jahr Durchschnittliche jährliche Dosis einer Person in Deutschland aus künstlichen Quellen, vornehmlich Medizin (Wert für 2015: etwa 1,7 mSv)
- 20 Millisievert pro Jahr Grenzwert (maximal zulässige Dosis) der jährlichen Strahlenexposition für beruflich strahlenexponierte Personen in Deutschland.
Wie wurde gemessen?
Die erforderlichen Messungen für den anstehenden Transport wurden vom Betreiber der Wiederaufarbeitungsanlage in Sellafield durchgeführt und von einem unabhängigen Sachverständigen begleitet. Dabei wurde die ODL an allen Behältern zunächst an verschiedenen Punkten entlang der Behälteraußenfläche bestimmt und anschließend in unterschiedlichen Abständen – unter anderem in 2, 5, 10 und 20 Metern – in einer Höhe von zwei Metern über dem Boden gemessen.
Welche Werte wurden gemessen?
Die Messungen zeigen, dass der Grenzwert von 100 µSv/h in zwei Metern Abstand deutlich unterschritten wird. Der höchste dort ermittelte Wert lag bei 28 µSv/h (0,028 mSv/h). Mit zunehmender Entfernung nimmt die Ortsdosisleistung ab: Direkt an der Außenfläche des Transportfahrzeugs beträgt sie im Mittel knapp 62 µSv/h, in zehn Metern Abstand etwa 3,9 µSv/h und in 20 Metern Entfernung durchschnittlich rund 1,9 µSv/h.
Welche Strahlenbelastungen entstehen?
Die individuelle Strahlendosis im Umfeld des Transportfahrzeugs ergibt sich aus der jeweiligen Ortsdosisleistung und der Dauer des Aufenthalts. Sie lässt sich durch Multiplikation beider Größen berechnen.
Hielte sich etwa eine Person unmittelbar an der Fahrzeugaußenfläche des Behälters mit der höchsten ODL auf, so müsste sie dort etwas mehr als zehn Stunden verweilen, um den für die Allgemeinbevölkerung geltenden Jahresgrenzwert von 1 Millisievert (mSv; entspricht 1.000 µSv) zu erreichen. Nach etwa 21,5 Stunden entspräche die aufgenommene Dosis mit rund 2,1 mSv der durchschnittlichen natürlichen Strahlenexposition pro Jahr in Deutschland. In einem Abstand von fünf Metern zur Fahrzeugaußenfläche wäre – bezogen auf den Mittelwert aller Behälter – sogar ein Aufenthalt von mehr als vier Tagen erforderlich, um den Jahresgrenzwert von 1 mSv zu erreichen.
Einordnung: Vergleich mit anderen Strahlenexpositionen
Zur Einordnung realistischer Aufenthaltsdauern können Vergleiche mit alltäglichen Strahlungsexpositionen herangezogen werden: Eine zehnstündige Verweildauer in fünf Metern Entfernung vom Transportfahrzeug würde in etwa einer Dosis entsprechen, wie sie bei einem Hin- und Rückflug von Deutschland nach Japan anfällt (rund 0,1 mSv). Die Strahlenbelastung einer zahnärztlichen Röntgenaufnahme (etwa 0,01 mSv) wäre unter diesen Bedingungen nach ungefähr einer Stunde erreicht.
Einschränkung
Dabei ist zu berücksichtigen, dass während des Transports insgesamt sieben CASTOR®-Behälter hintereinander befördert werden und somit – abhängig vom Aufenthaltsort – zur Ortsdosisleistung beitragen können. Aufgrund der starken Abnahme der Strahlungsintensität mit zunehmender Entfernung leisten weiter entfernte Behälter jedoch nur einen sehr geringen Beitrag zur Gesamtdosisleistung beziehungsweise zur resultierenden Dosis.
Fazit
Auf Grundlage der Erfahrungen aus früheren Transporten sowie der typischen Aufenthaltsmuster des Transport- und Begleitpersonals ist auch für den bevorstehenden Transport davon auszugehen, dass die gesetzlichen Dosisgrenzwerte sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für das beteiligte Personal deutlich eingehalten werden. Dies gilt umso mehr, als dass die Transportstrecke bei diesem Transport vergleichsweise kurz ist.