Nukleare Ereignisse bewerten: Interview mit dem deutschen INES-Officer

14.05.2018

© GRS

Seit etwa 10 Jahren übt unser GRS-Kollege Dr. Michael Maqua im Auftrag des Bundesumweltministeriums die Funktion des INES-Officers für Deutschland aus. INES steht für „International Nuclear and radiological Event Scale“, eine Skala zur Einordnung von nuklearen Ereignissen und Unfällen. Mehr als 70 Länder nutzen derzeit INES. Der gelernte Ingenieur ist im internationalen Projektmanagement tätig und steht uns im Interview Rede und Antwort zu seiner Arbeit als INES-Officer.

Herr Dr. Michael Maqua, Ihnen obliegt die Rolle des deutschen INES-Officers. Wie würden sie einem unbekannten Menschen erklären, was der Nutzen von INES ist?

Das besondere an INES ist, dass sich mit diesem Werkzeug für die Bevölkerung die Bedeutung eines nuklearen Ereignisses darstellen lässt – und das ohne, dass die Menschen ein vertieftes Wissen in diesem Bereich haben müssen. Das ist ähnlich wie bei Temperatur- oder Erdbebenskalen. Wir leben mit Skalen, überall auf der Welt. Bei Erdbebenstufe 7 oder Windstufe 8 weiß niemand, was das exakt bedeutet. Aber man hat in etwa eine Vorstellung, wie stark das Ereignis und seine Auswirkungen sind. Bei INES ist das genauso. Wenn ich zum Beispiel ein Ereignis mit INES 3 sehe, dann weiß ich, dass die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt nicht gravierend sind. Bei einer INES-Stufe 7, wie wir sie bei Tschernobyl oder Fukushima hatten, weiß ich hingegen, dass es zu sehr großen Freisetzungen radioaktiver Stoffe gekommen ist.

Wenn wir INES nicht hätten, wäre es sehr kompliziert, die Bedeutung eines Ereignisses konsistent darzustellen. INES macht es möglich, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Ich kann einen Transportunfall mit radioaktiven Stoffen mit einem Ereignis im Kernkraftwerk vergleichen. Das wäre ansonsten fast unmöglich.

Was sind Ihre Aufgaben als INES-Officer?

Als INES-Officer habe ich zwei wesentliche Aufgaben: Die erste Aufgabe ist, für alle deutschen kerntechnischen Einrichtungen bei einem Ereignis eine INES-Einstufung vorzunehmen und mit den jeweils beteiligten Betreibern und Behörden abzusprechen. Ist die INES-Einstufung 2 oder höher, muss ich sie der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEA in Wien melden.

Die andere Aufgabe ist, dass ich mir INES-Ereignisse aus anderen Ländern ansehe, die der IAEA gemeldet werden. Wenn es sich um ein bedeutendes Ereignis im grenznahen Bereich handelt, bewerte ich, was dieses Ereignis für Deutschland oder die deutsche Bevölkerung bedeutet.

INES-Pyramide (Quelle: GRS)Wie läuft eine solche INES-Einstufung normalerweise ab?

Die Arbeit des INES-Officers startet, sobald die Information zu einem Ereignis eingeht. Bei Ereignissen in deutschen Anlagen erhalte ich die Information vom Betreiber, bei internationalen Ereignissen über den Mail-Service der IAEA. Es gibt für die Ereignisse in deutschen Anlagen einen festgeschriebenen Arbeitsablauf, der mit Bund und Ländern abgesprochen ist. Es handelt sich dabei um ein mehrstufiges Verfahren. Das sieht bei Kernkraftwerken so aus, dass die Ersteinstufung vom Betreiber des Kernkraftwerks selber vorgenommen wird. Die Behörden, der TÜV und ich im Auftrag der Bunderegierung bewerten diese Einstufung auf ihre Richtigkeit hin. Wenn die Einstufung nicht korrekt ist, greifen wir ein.

Im Falle eines Dissenses legt der INES-Officer in Absprache mit dem Bundesumweltministerium die endgültige Einstufung fest. Aber in 99,9 Prozent aller Fälle können sich alle auf eine gemeinsame Einstufung verständigen.

Welche Konsequenzen leiten sich aus Ihrer Einstufung ab?

Es gibt zum einen formelle Konsequenzen. Ab Stufe 1 werden Ereignisse im Bundestag im Umweltausschuss behandelt. Ab Stufe 2 wird die IAEA informiert. Bei Freisetzungen ab Stufe 4 muss das Vorgehen z. B. mit den Katastrophenschutzbehörden abgesprochen werden.
Da es sich bei INES um ein Informationssystem für die Bevölkerung handelt, erfolgen aus der Einstufung keine Konsequenzen für den Betreiber. INES ist kein Strafkatalog und grenzt sich ganz klar von den Meldekriterien für Ereignisse ab, die gewisse Konsequenzen haben können, wie zum Beispiel das Abfahren einer Anlage.

Sie haben eben den Reaktorunfall in Fukushima erwähnt. Der Unfall ist damals auf der Stufe 7 der INES-Skala eingestuft worden. Erinnern Sie sich daran, wie das ablief?

Oh ja, ich erinnere mich sehr gut. Der Unfall in Fukushima hat ein Manko im INES-Handbuch aufgedeckt. Man hatte im INES-Handbuch zwei Dinge nicht vorhergesehen. Das eine war, dass es auf einer Anlage mehrere Blöcke gleichzeitig treffen kann. Das ist vor allem schwierig beim Zuordnen der Freisetzungen zu den einzelnen Blöcken. Das zweite Problem war, dass eine INES-Einstufung schon während des Ereignisses geschehen ist.

Die erste INES-Einschätzung der japanischen Behörden fand wie vorgesehen innerhalb von 24 Stunden statt. Sie war rückblickend mit INES 3 verhältnismäßig niedrig. Aber mehr wussten die Betreiber zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht und sie hatten keine belastbaren Erkenntnisse über eine Kernschmelze. Zum damaligen Zeitpunkt gingen wir bei der GRS allerdings bereits davon aus, dass auf jeden Fall eine Kernschmelze stattgefunden hatte, auch wenn noch keine Freisetzung messbar war.

Wann war der Zeitpunkt, an dem man die endgültige INES-Einstufung für Fukushima festgesetzt hat?

Das war fast ein halbes Jahr später. Die INES-Officer haben die japanischen Behörden überzeugen müssen, dass man nicht dreimal– also für jeden Reaktor – INES 6 angeben kann, sondern dass man die Bewertung für die gesamte Anlage auf INES 7 anheben muss. Davor haben sich die Japaner sehr gescheut. Sie wollten nicht, dass Fukushima so schlimm war wie Tschernobyl. Ist es auch nicht. Es ist tatsächlich weit weniger freigesetzt worden als in Tschernobyl. Aber für die INES-Einstufung ist es die gleiche Stufe.

Wie entstand überhaupt die Idee, eine internationale Ereignisskala einzuführen?

INES ist ein Ergebnis des Unfalls in Tschernobyl. Im Nachgang zu Tschernobyl war die Angst vor einem nuklearen Unfall sehr präsent. In den Medien wurde praktisch jeder Störfall und jedes Ereignis als „Beinahe-Gau“ bezeichnet. Man hat deshalb nach einer Idee gesucht, die Ereignisse und Unfälle in Kernkraftwerken oder anderen kerntechnischen Anlagen zu klassifizieren, d. h. nach ihrer sicherheitstechnischen Bedeutung zu staffeln. Und zwar auf eine Art und Weise, die jeder auf den ersten Blick verstehen kann. Und in der Folge hat die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA Anfang der 1990er Jahre das INES-System eingeführt.

Wie wird man INES-Officer?

INES-Officer ist kein Lehrberuf. Mein damaliger Chef war derjenige, der für Deutschland dieses System mit entwickelt und das erste deutsche INES-Handbuch geschrieben hat. Als er in Pension ging, bin ich sein Nachfolger geworden. Das ist so gewachsen und keine geplante Karriere. Ich habe einfach die Aufgaben, die ich vorher jahrelang als Stellvertreter gemacht habe, als INES-Officer fortgeführt. Neben den wissenschaftlichen und technischen Kenntnissen muss man gut kommunizieren können – auch auf Englisch. Letztlich ist die Einstufung auch immer ein Kommunikationsprozess.

Sie arbeiten jetzt schon einige Jahre mit dem Instrument INES. Haben Sie Vorstellungen oder Ideen, wie sich INES weiterentwickeln könnte?

Ja. Es gibt neben Fragen, die wir gerade im Kontext zu Fukushima thematisiert haben, natürlich auch ganz andere Gebiete, die man in INES integrieren kann. Ein Gebiet ist zum Beispiel ist die Anwendung von INES auf medizinische Ereignisse. Das heißt insbesondere Fehlbestrahlung von Patienten.
Ein anderes Thema wäre die Ableitung von radioaktiven Stoffen ins Wasser. Dieses Thema ist auch mit Fukushima hochgekommen. Vor Fukushima war schon die Kontamination der Umwelt ohne direkte Freisetzungen aus einem Kernkraftwerk ein Thema. In diesen Fällen ist zwar kein Mensch direkt betroffen, aber die Umwelt. Wie bewerte ich so etwas? Wie bewerte ich es zum Beispiel – wenn man an Fukushima oder an Tschernobyl denkt – wenn Gebiete gesperrt werden müssen?

Es gibt noch viele interessante Dinge, die man bewerten könnte. Da werden wir in den nächsten Jahren sicherlich immer wieder etwas ergänzen. Das heißt, dass INES-Handbuch ist ein lebendes Dokument und es wird wahrscheinlich auch nie eine endgültige Fassung geben.

Vielen Dank für das Interview!

Weitere Informationen

INES –  International Nuclear Event Scale
Informationen der IAEA zu INES
Deutsches INES-Handbuch