Tschernobyl: Neue Schutzhülle soll Rückbau des Unfallreaktors ermöglichen

22.11.2016

© ChNPP

Eine neue Schutzhülle bedeckt nun den Unfallreaktor von Tschernobyl. Nach acht Jahren Bauzeit konnte das 36.000 Tonnen schwere New Safe Confinement (NSC) über den alten Sarkophag geschoben werden. Den alten Sarkophag hatten Arbeiter nach dem Unfall am 26. April 1986 innerhalb von nur sechs Monaten aus Stahl und Beton provisorisch konzipiert und gebaut.

Um die Strahlenbelastung der Arbeiter bei der Errichtung des New Safe Confinement möglichst gering zu halten, wurde die neue Schutzhülle 330 Meter entfernt vom Unfallreaktor montiert. Ein spezielles System bestehend aus  224 Hydraulikzylindern hat das Gebäude an seine neue Position geschoben.

Welche Aufgaben erfüllt die neue Schutzhülle?

Arbeiten an der 85.000 Quadratmeter großen Kuppel des New Safe Confinement (Quelle: ChNPP)Aufgabe des  New Safe Confinements ist zu verhindern, dass die radioaktiven Stoffe aus dem Unfallreaktor in die Umwelt gelangen. Dies wird vor allem dann wichtig, wenn z.B. Teile alten Sarkophags und des zerstörten Blockes abgebaut werden. Die neue Schutzhülle reduziert so weit wie möglich die radiologischen Auswirkungen auf Bevölkerung, Personal und Umwelt im Normalbetrieb und bei Ereignissen.
Außerdem ermöglicht das New Safe Confinement die Entsorgung der verbleibenden radioaktiven Materialien. Zur Zeit der Explosion befanden sich 190 Tonnen bestrahlter Kernstoff im Block 4. Nach Schätzungen sind noch immer weit über 90 Prozent dieser vor allem langlebigen radioaktiven Stoffe (Uran, Plutonium) im Reaktor.

Wieso ist das New Safe Confinement ein besonderes Bauwerk?

Die neue Schutzhülle ist etwa 110 Meter hoch, 160 Meter lang und 260 Meter breit und bedeckt eine Fläche von 85.000 Quadratmetern − was in etwa acht Fußballfeldern entspricht. Damit ist das New Safe Confinement das größte mobile freitragende Gebäude der Welt.

Das New Safe Confinement ist nicht nur wegen seiner Größe ein außergewöhnliches Bauwerk. Es ist ein äußerst komplexer und stabiler, luftdicht abgeschlossener Bau. Er hält Einflüssen von außen, wie Erdbeben, extremen Wetterlagen mit starken Niederschlagen und Sturm sowie extremen Temperaturen (z.B. durch einen Brand) stand. In seinem Inneren befinden sich Überwachungssysteme z.B. zur Messung von Strahlung, Temperatur und seismischen Erschütterungen.

Eine Lüftungsanlage sorgt dafür, dass die Luftfeuchtigkeit unter 40% bleibt. Dies ist wichtig, damit die Metallkonstruktion des auf 100 Jahre ausgelegten Gebäudes nicht zu rosten beginnt. Unter der Bogenkonstruktion des New Safe Confinement ist eine große Krananlage installiert. Mit ihr soll der alte Sarkophag und der zerstörte Reaktor demontiert werden.

Wer hat das Projekt finanziert?

Die Europäische Union und die G7 Staaten unterstützen die Ukraine dabei, Tschernobyl in einen ökologisch sicheren Zustand zu überführen. Die Finanzierung des Projektes erfolgt über den Chernobyl Shelter Fond, der von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) verwaltet wird. Die Gesamtkosten für den Bau des New Safe Confinement werden etwa 2,1 Milliarden Euro betragen.

Wie geht es in Tschernobyl weiter?

Kran, mit dem zunächst die instabilen Teile des Sarkophags demontiert werden sollen (Quelle: ChNPP)Die Fertigstellung des New Safe Confinement ist für Ende 2017 geplant. Fertig zu stellen sind die Technologie- und Versorgungsgebäude sowie die Verbindung des New Safe Confinement mit den sonstigen Gebäudestrukturen. Im Anschluss daran können weitere Schritte zur Überführung des Standorts in einen ökologisch sicheren Zustand eingeleitet werden.

In einem ersten Schritt sollen dabei alle instabilen Teile des Sarkophags abgebaut werden. Anschließend kann mit der Bergung der kernbrennstoffhaltigen Materialien, dem Rückbau des restlichen Sarkophags und des zerstörten Reaktors begonnen werden. Es ist geplant, den Reaktor innerhalb von 100 Jahren komplett zurückgebaut und entsorgt zu haben.

Um das Kernkraftwerk Tschernobyl herum besteht noch immer eine 30 Kilometer Sperrzone, in der keine Menschen wohnen dürfen. Aktuell diskutieren ukrainische Politiker, was mit diesem Gebiet auf lange Sicht geschehen soll. Derzeit bewerten sie unter anderem die Einrichtung eines Biosphären-Reservats.

Arbeiten der GRS zu Tschernobyl

Die GRS hat sich in den letzten 30 Jahren intensiv mit dem Unfall in Tschernobyl beschäftigt: von der Analyse des Unfalls und dessen Folgen, über die radiologische Situation am Standort bis hin zur Standsicherheit des Sarkophags. Unter anderem unterstützte die GRS die nuklearen Aufsichts- und Genehmigungsbehörden bei der Begutachtung der Sicherheitsdokumentation für das New Safe Confinement. Bis heute arbeitet die GRS mit ukrainischen Experten zusammen, um zu beraten, wie Tschernobyl und seine Umgebung langfristig in einen ökologisch sicheren Zustand überführt werden kann.

Weitere Informationen

Arbeiten der GRS zu Tschernobyl
FAQ der GRS zu Tschernobyl
Informationen des Bundesumweltministeriums zu Tschernobyl
Website des Kernkraftwerkes Tschernobyl