40 Jahre Tschernobyl: im Gespräch mit zwei GRS-Fachleuten

Am 26. April 1986 ereignete sich im Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl der schwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Vierzig Jahre später prägt Tschernobyl nicht nur das kollektive Gedächtnis, sondern ist weiterhin ein realer Arbeits- und Forschungsort – mit komplexen technischen, organisatorischen und sicherheitstechnischen Herausforderungen.

Anlässlich des 40. Jahrestags des Unfalls haben wir mit Dr. Maria‑Teresa Hussels und Lutz Küchler gesprochen. Beide arbeiten bei der GRS seit vielen Jahren an Projekten mit Bezug zu Tschernobyl – von der Auswertung aktueller Messdaten über Fragen des Strahlenschutzes bis hin zu Stilllegungs‑, Entsorgungs‑ und Sicherheitsstrategien am Standort.

Im Interview berichten sie von ihren persönlichen Bezügen zu Tschernobyl, erläutern die besondere Struktur des Standorts und der Sperrzone und ordnen die aktuelle Situation vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine ein. Zugleich geht es um die Frage, welche Herausforderungen kurzfristig dringend angegangen werden müssen – und welche Perspektiven sich langfristig für den Standort ergeben.

 

Hallo Maria, hallo Lutz, schön, dass Ihr Euch die Zeit für das Gespräch nehmt. Unsere erste Frage reicht direkt zurück ins Jahr 1986: Manche Ereignisse prägen sich so ein, dass man genau weiß, wo man war und was man gedacht hat. Wie ist das für euch bei Tschernobyl?

Maria-Teresa Hussels:

Ich habe keine direkte Erinnerung daran. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es damals eine Zeit gab, in der man nicht mehr auf den Spielplatz gehen sollte. Dies und die Besorgnis der Erwachsenen sind mir als etwas Besonderes in Erinnerung geblieben, obwohl ich damals erst vier Jahre alt war. Später habe ich das dann bewusst mit Tschernobyl in Verbindung gebracht.

Lutz Küchler:
Maria und ich haben heute schon kurz darüber gesprochen: Der Unterschied zwischen uns liegt vor allem im Alter und in der Wahrnehmung. Ich muss dazu sagen: Ich war damals schon ein Jahr berufstätig. Während meines Studiums in Moskau hatte ich ein Praktikum für zukünftige Betreiber von Kernkraftwerken in Tschernobyl, ich kannte den Standort also. Wir hatten die Aufgabe, das Abschaltsystem zu studieren. Dieses System war genau geregelt – wie viele Abschaltstäbe wo verbleiben müssen, damit der Reaktor sicher heruntergefahren werden kann. Ich wurde während einer Prüfung im Studium sogar nach den Nachteilen eines RBMK-Reaktors gefragt – und ich erinnerte mich an den positiven Dampfblasen-Kritikalitätseffekt.

Und wie hast du den Unfall damals wahrgenommen?

Lutz Küchler: 

Die Wahrnehmung bei uns in der DDR unterschied sich sicherlich sehr von der in der alten Bundesrepublik, ebenso die Darstellung in den Medien. Die Havarie geschah am Samstag, den 26. April 1986, aber die erste offizielle Information kam erst am 29. April. Am 1. Mai wurde von zwei Todesfällen berichtet, am 2. Mai über die Beseitigung der Folgen, und am 3. Mai hieß es, die Gefahren seien übertrieben. Interessanterweise wurde am 7. Mai in Kiew die jährliche Friedensfahrt (Anmerkung: Die „internationale Friedensfahrt“ war ein Etappenrennen in Mitteleuropa und bis zum politischen Umbruch in den ehemaligen Ostblockstaaten 1989 das international bedeutendste Amateurradrennen) eröffnet, obwohl bereits Evakuierungen stattgefunden hatten. Die Informationspolitik damals war also stark verzögert und unzureichend.

„Die Wahrnehmung bei uns in der DDR unterschied sich sicherlich sehr von der in der alten Bundesrepublik. “

Lutz Küchler,

GRS

Maria, was hast du genau studiert, und hattest du auch bereits im Studium Berührungspunkte mit Tschernobyl?

Maria-Teresa Hussels:
Ich habe Physik studiert, aber im Studium selbst hatte ich keine besonderen Berührungspunkte zu der Thematik. Erst durch meinen Wechsel zur GRS bin ich zum Thema Strahlenschutz gekommen und damit auch zu Tschernobyl.

À propos Arbeit bei der GRS: Mit welchen Aufgaben beschäftigt ihr euch in eurem Arbeitsalltag? Und wie sieht eure Arbeit in Bezug auf Tschernobyl konkret aus? 

Maria-Teresa Hussels:
Wir beschäftigen uns natürlich auch mit anderen Themen, bei mir sind das beispielsweise die Freigabe vernachlässigbar radioaktiver Stoffe oder auch Radon bzw. natürliche Radioaktivität. Persönlich leite ich ein Tschernobyl-Projekt, das Daten aus der Sperrzone und aus dem Kraftwerk sammelt – zu Kontaminationen, Wasserständen im alten Sarkophag und so weiter. Wir leiten aus den Daten Antworten auf spezielle Fragen ab, pflegen eine Datenbank und machen Qualitätssicherung.

Lutz Küchler:
Mein Tschernobyl- Projekt ist etwas anders gelagert. Es geht um Strategien der Entsorgung, das New Safe Confinement und den alten Sarkophag, den gesamten Standort und den nationalen Kontext der Ukraine – inklusive Landessammelstellen für radioaktive Abfälle. Zu beiden Projekten kommt auch noch ein EU-Projekt zur Unterstützung der ukrainischen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde SNRIU.

Hast du ein konkretes Beispiel für uns? 

Lutz Küchler:
Wir haben beispielsweise den möglichen Einsturz des Sarkophags unter dem NSC analysiert. Früher gab es Berechnungen dazu, aber wir wollten Tools aktualisieren und das Szenario unter geänderten Bedingungen neu berechnen. Das ist Teil unseres vom Bundesumweltministerium geförderten Vorhabens und zeigt, wie komplex unsere Arbeit in Bezug auf Tschernobyl ist.

Eure Arbeit findet ja inzwischen unter völlig veränderten Rahmenbedingungen statt. Seit Beginn des Krieges hat sich die Situation am Standort drastisch verändert. Wie sieht es dort aktuell aus?

Maria-Teresa Hussels:
Es ist einiges beschädigt worden, seitdem der Krieg begonnen hat: Während der Besetzung der Sperrzone durch russische Truppen wurden Geräte, Labore und andere Einrichtungen zerstört. Einiges wurde im Laufe der Zeit ersetzt, aber die Folgen sind weiterhin spürbar. Teile der Sperrzone sind vermint. Das merken wir zum Beispiel daran, dass wir von bestimmten Messpunkten immer noch keine Daten bekommen, weil man dort schlicht nicht hinkommt.

Letztes Jahr gab es zudem den Drohneneinschlag in das NSC, wodurch erneut Schäden entstanden sind. Vor allem führt das dazu, dass die Rückbauarbeiten derzeit nicht vorankommen, beispielsweise dass instabile Strukturen des alten Sarkophags nicht abgebaut werden konnten. Das wurde zunächst ausgesetzt, bis das NSC repariert ist und seine Funktion wieder erfüllen kann.

„Teile der Sperrzone sind vermint. Das merken wir zum Beispiel daran, dass wir von bestimmten Messpunkten immer noch keine Daten bekommen, weil man dort schlicht nicht hinkommt.“

Dr. Maria-Teresa Hussels,

GRS

Maria-Teresa Hussels: 

Dazu kommt: Viele der Sarkophag-Strukturen, um die es geht, sind nicht erst seit Kurzem problematisch. Sie galten bereits als instabil und sollten ohnehin abgebaut werden. Ursprünglich war dafür etwa 2023 vorgesehen; das wurde aus verschiedenen Gründen verzögert und nach hinten verschoben. Mit dem Drohneneinschlag kam dann ein weiteres Ereignis hinzu, das die Arbeiten zusätzlich blockiert – und damit verschiebt sich der Zeitplan immer weiter. Inzwischen werden teils Zeiträume bis 2035 diskutiert.

Wie steht es mit den Menschen, die am Standort beschäftigt sind?

Lutz Küchler:

Auch die Mitarbeitenden sind vom Kriegsgeschehen unmittelbar betroffen: Früher gab es beispielsweise eine bequeme Bahnverbindung zwischen Slavutic und dem Kraftwerk – Fahrzeit unter einer Stunde. Viele Mitarbeitende leben in Slavutic. Diese Bedingungen haben sich durch den Krieg grundlegend geändert: Die kurzen Verbindungen per Bahn oder Autobrücke gibt es nicht mehr. Es müssen lange Umwege in Kauf genommen werden. Deshalb wurden Mitarbeitende in der Stadt Tschernobyl untergebracht, mit internationaler Hilfe wurden auch weitere Unterkünfte geschaffen, damit sie die weiten Anfahrtswege nicht bewältigen müssen.

Maria-Teresa Hussels:

Das führt dann dazu, dass die Personalsituation teils arg angespannt ist. Wie viele Fachkräfte derzeit am Standort sind, weiß ich nicht genau. Wir hören aber immer wieder von Engpässen. Vor dem Krieg gab es zudem bereits die Corona-Situation – auch das hat dazu beigetragen, dass es personell schwierig ist. 

Lutz, du hattest ja zu Beginn unseres Gespräches gesagt, dass du im Rahmen deines Studiums schon einmal vor Ort warst. Auch später warst du beruflich viel in der Ukraine. Kannst du beschreiben, wie deine Arbeit dort aussah?

Lutz Küchler:
In der GRS hatten wir viele Jahre bilaterale Projekte mit Osteuropa. Wir hatten sogar über viele Jahre hinweg Büros in Moskau und Kiew, die die bilateralen und EU-Arbeiten koordinierten sowie Projekte im sogenannten Shelter Implementation Plan (SIP). Ich war in der Regel alle zwei Monate für etwa zwei Wochen vor Ort. Wir arbeiteten im Büro vom SSTC NRS (Anmerkung: SSTC NRS ist das State Scientific and Technical Center for Nuclear and Radiation Safety), besuchten auch den Standort Tschernobyl und weitere nukleare Anlagen in der Ukraine.

Wie ist das bei dir, Maria? Warst du schon in Tschernobyl vor Ort?

Maria-Teresa Hussels:
Ich bin seit 2019 bei der GRS und 2020 in das Projekt eingestiegen, als ich die Projektleitung übernommen habe. Das war genau die Zeit von Corona, weshalb ich bisher weder persönlich in Kiew noch in Tschernobyl war. Ich kenne die Abläufe hauptsächlich über digitale Kommunikation und Workshops mit den ukrainischen Partnern.

Das läuft aber auch in Kriegszeiten weiter?

Maria-Teresa Hussels:
Wir hatten ja eben über das große EU-Projekt gesprochen: In diesem Rahmen findet nach wie vor regelmäßiger Austausch statt, beispielsweise Workshops mit ukrainischen Partnern und Behördenvertretern, die auch hier in Deutschland stattfinden.

Wenn man über all diese aktuellen Herausforderungen spricht, stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie sieht der Standort eigentlich konkret aus? Der Standort Tschernobyl ist ja nicht nur das Kraftwerk selbst, sondern ein komplexes Areal mit vielen zusätzlichen Anlagen und Lagern. Könnt Ihr uns einen Eindruck von der Topografie Tschernobyls vermitteln?

Lutz Küchler:

Der Standort ist tatsächlich sehr komplex. Neben dem Kraftwerk selbst und den standortnahen Anlagen gibt es auch Anlagen im sogenannten Vektorkomplex, die einige Kilometer entfernt in der Tschernobyl-Zone liegen und unter anderem für die Entsorgungssituation in der Ukraine enorm wichtig sind. Auch dort muss entsprechendes Personal vorgehalten werden. Zu diesen Anlagen gehören nationale Projekte, die gebaut wurden und teils erweitert werden sollen – etwa Zwischenlager für radioaktive Quellen oder das zentrale ukrainische Zwischenlager für Brennelemente aus den Kernkraftwerken, die nicht okkupiert wurden, also alle außer Saporischschja. Dieses zentrale Zwischenlager ist fertiggestellt und in Betrieb. 

Das heißt, dorthin werden auch unter Kriegsbedingungen abgebrannte Brennelemente gebracht? Oder bleiben sie vorerst an den jeweiligen Standorten zwischengelagert?

Lutz Küchler:
Ich kann das nicht mit absoluter Sicherheit sagen, aber an allen drei Standorten – Rivne, Chmelnyzkyj und Südukraine – wurden die Voraussetzungen geschaffen, Brennelemente in das Zwischenlager in der Tschernobyl-Zone zu bringen. Die Infrastruktur ist vorhanden.

Gleichzeitig können die Behälter auch an den jeweiligen Standorten zwischengelagert werden, bis ein Abtransport möglich ist. Transporte unter Kriegsbedingungen sind eine Herausforderung, scheinen aber offenbar ohne größere Probleme durchgeführt worden zu sein.

Maria-Teresa Hussels:
Zudem werden innerhalb der Sperrzone Brennelemente aus dem alten Nasslager am Kraftwerksstandort in ein Trockenlager (Anmerkung: ISF 2) umgelagert. Nach meinem Kenntnisstand ist inzwischen etwa ein Viertel der Brennelemente transportiert worden.

Danke für die Erklärung und Entschuldigung für die Unterbrechung. Welche sonstigen Anlagen gibt es auf dem Standortgelände?

Lutz Küchler:

Hinzu kommen weitere Abfalllager in der Zone, unter anderem das große Lager „Buryakivka“, in dem mehrere Hunderttausend Kubikmeter radioaktiver Abfälle abgelagert wurden. Nach dem Unfall wurden verschiedene Aufräum- und Dekontaminationsmaßnahmen durchgeführt. Dabei sind unter anderem Gräben und Sammelstellen entstanden, in denen höheraktive Materialien zusammengebracht und abgedeckt wurden – davon gibt es einige Hundert. Früher gab es Überlegungen, diese Materialien in den Vektorkomplex zu bringen. Das wurde später nicht weiterverfolgt, weil der Nutzen im Verhältnis zum Aufwand als zu gering eingeschätzt wurde.

Neben „Buryakivka“ gibt es weitere Lager in der Nähe des Kraftwerks, zum Beispiel „Pidlisny“ und die sogenannte „dritte Ausbaustufe“. In „Pidlisny“ wurden sehr hochaktive Abfälle bis hin zu kernbrennstoffhaltigen Materialien abgelagert. Dort prüft man aktuell, welche Maßnahmen notwendig sind, da das Lager relativ nahe am Fluss Pripyat liegt und es über den Wasserpfad potenziell zu Freisetzungen kommen könnte. 

Sind diese Bereiche irgendwie speziell gesichert? Es gibt doch die sogenannte Sperrzone 30 Kilometer um Tschernobyl herum?

Lutz Küchler:

Die Bezeichnung „Sperrzone“ geht auf die unmittelbare Situation nach dem Unfall zurück. Offiziell ist es eine Zone, aus der Menschen dauerhaft ausgesiedelt werden mussten – dort sollte man also nicht einfach leben. Gleichzeitig wissen wir, dass einige frühere Bewohnerinnen und Bewohner – vor allem ältere Menschen – geblieben oder später zurückgekehrt sind. Diese sogenannten „Rückkehrer“ gab es nicht in großer Zahl, eher einige Hundert. Teilweise wurden sie versorgt, es gab Strom und rudimentäre Infrastruktur. Das widerspricht einem verbreiteten Mythos: Die Zone ist keine „Todeszone“.

„Das widerspricht einem verbreiteten Mythos: Die Zone ist keine „Todeszone“.“

Lutz Küchler,

GRS

Lutz Küchler:
Beim NSC sprechen wir immer von zwei Hauptfunktionen: erstens die Confinement-Funktion, also das sichere Einschließen, und zweitens die Bereitstellung von Infrastruktur und Werkzeugen für die Demontage. Beide Funktionen sind im Moment nicht nutzbar und müssen zunächst wiederhergestellt werden. Das sollte in keinem Fall auf die lange Bank geschoben werden, wenn wir hier keine Probleme bekommen wollen, z. B. in Bezug auf die ursprünglich geplante Gesamtbetriebsdauer des NSC.

Als Laie erscheint es kaum plausibel, dass massive Strukturen innerhalb weniger Jahre in einen Zustand geraten, der Sorgen bereitet. Kannst du den Zeitdruck einordnen – idealerweise mit einem groben Zeitplan: Was sollte in welchen Zeiträumen passieren, und was könnte geschehen, wenn das nicht passiert – bezogen auf das NSC?

Lutz Küchler:
Ich antworte vor dem Hintergrund des ursprünglichen Designs: Das Konzept sah ein aktives Lüftungs- und Entfeuchtungssystem vor, insbesondere für den Zwischenraum zwischen äußerer und innerer Abdeckung. Kurzfristige Ausfälle waren vorgesehen, längerfristige – über Monate oder Jahre – nicht.

Über das Raumklima – insbesondere die relative Luftfeuchte, die 40 Prozent nicht überschreiten darf – sollte die langfristige Betriebsdauer gewährleistet werden. Das Risiko: Korrosion in bestimmten Bereichen. Bei der Größe und Komplexität der Konstruktion ist Instandhaltung ohnehin eine große Herausforderung.

Entscheidend ist deshalb, die Lüftungs-/Entfeuchtungsanlage wieder in Betrieb zu nehmen, damit die Luftqualität den Anforderungen entspricht. Dazu müssen beschädigte Dichtungen und Membranen repariert werden.

Diese Reparaturen betreffen auch die zweite Hauptfunktion des NSC: Bereitstellung von Infrastruktur, etwa der Krananlage, für den Rückbau. Rückbau ist nur möglich, wenn der sichere Einschluss gewährleistet ist, da es durch höhere Raumluftkontamination beim Rückbau das Risiko erhöhter Freisetzungen gibt.

„Kurzfristige Ausfälle waren vorgesehen, längerfristige – über Monate oder Jahre – nicht.“

Lutz Küchler,

GRS

Gibt es innerhalb der Sperrzone denn Bereiche, bei denen man aus Strahlenschutzsicht sagen würde: Dort sollte man sich auch für kurze Zeit besser nicht aufhalten? Oder sind das eher einzelne „Hotspots“ mit deutlich erhöhter Strahlung?

Maria-Teresa Hussels:

Die Kontamination ist sehr ungleichmäßig verteilt. Das Gebiet wurde vermessen, es gibt auch neuere Vermessungen, etwa durch Überflüge, die zeigen, dass manche Bereiche deutlich stärker kontaminiert sind als andere.

Es gibt beispielsweise stark kontaminierte Stellen, an denen beim Unfall kontaminierte Materialien vergraben wurden – zum Beispiel Fahrzeuge oder andere Gegenstände. Solche Bereiche können problematisch sein. Die Zone wurde gerade deshalb eingerichtet, um die Auswirkungen zu begrenzen und Menschen vor langfristigen Strahlenwirkungen zu schützen. Viele Wohnhäuser und Orte wurden damals mit schwerem Gerät zerstört. Es gibt aber weiterhin einzelne Gebäude – auch Kirchen und Denkmäler.

Ist die Sperrzone denn tatsächlich irgendwie abgesperrt? Ist da Stacheldraht drum herum oder wie habe ich mir das vorzustellen?

Maria-Teresa Hussels:

Ich weiß, dass es Kontrollpunkte an den Zufahrtsstraßen gibt. Dort wird sehr streng kontrolliert, wer in die Zone hineinfährt. 

Lutz Küchler:

Was die Zwischenräume betrifft: Es gibt keinen durchgehenden, massiven Zaun oder eine Mauer um die gesamte Zone. Das Gebiet ist ohnehin dünn besiedelt, es gibt wenig Alltagsverkehr. Trotzdem gibt es die sogenannten „Stalker“, die sich teils medienwirksam in der Zone bewegen.

Und wie ist das mit den zuvor genannten Abfalllagern? Sind die noch mal speziell gesichert?

Lutz Küchler: 

Solche Bereiche sind gesondert abgesichert, mit Zäunen, die deutlich robuster sind als einfache Drahtabsperrungen. Nichtsdestotrotz sieht man im Internet immer wieder Aufnahmen, wie Personen dort über einfache Zäune oder Drahtabsperrungen klettern. Das zeigt: Der Zugang ist an manchen Stellen relativ leicht möglich. Aus Sicht des physischen Schutzes wäre es wünschenswert, gerade für solche Anlagen die Sicherung zu verbessern – hier muss man Menschen vor unnötigen Risiken schützen. 

Da ihr einen solch guten Draht in die Ukraine habt und auch sonst tief in der Materie drinsteckt: Lässt sich abschätzen, wie es mit Tschernobyl weitergeht? Man liest ja teilweise, dass das Potenzial des Standorts hinsichtlich seiner Energieinfrastruktur genutzt werden soll?

Maria-Teresa Hussels:

Ich habe davon gehört, dass es Überlegungen dazu gibt, Photovoltaik-Anlagen oder Small Modular Reactors zu errichten. Ich weiß aber nicht, wie konkret diese Überlegungen sind. Ich finde es jedoch spannend, dass man in der Zone nicht nur an Lagerung und Umgang mit radioaktiven Abfällen denkt, sondern auch über andere Nutzungsmöglichkeiten nachdenkt.

„Ich finde es spannend, dass man in der Zone nicht nur an Lagerung und Rückbau denkt, sondern auch über andere Nutzungsmöglichkeiten.“

Dr. Maria-Teresa Hussels,

GRS

Lutz Küchler:

Da schließe ich mich an. Und diese Überlegungen passen auch in den Kontext kleinerer Reaktorkonzepte. Man denkt darüber nach, solche Anlagen relativ elegant, schnell und kostengünstig in der Nähe von Slavutic zu errichten. So könnte man das vorhandene Personal nutzen, ihnen Perspektiven geben und gleichzeitig Erfahrungen aus der Region einbringen, ohne direkt am Tschernobyl-Standort selbst zu bauen.

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was würdet ihr euch für die Zukunft für Tschernobyl wünschen?

Lutz Küchler:

Wir sind der Meinung, dass die Ukraine und der Betreiber weiterhin unterstützt werden sollten. Stilllegungsprojekte wie dieses sind immer große Aufgaben, die noch einmal unter den herrschenden Kriegsbedingungen erschwert werden. 

Maria-Teresa Hussels:

Dem stimme ich zu. Man sollte hier unbedingt langfristig denken.