11. März – ein Blick nach Fukushima
Zustand der Blöcke 1–3 und Untersuchungen
Die Anlagenzustände der Blöcke 1–3 haben sich seit dem letzten Jahrestag nicht signifikant verändert. Dies geht unter anderem aus den anlagenbezogenen Daten, wie Temperatur, Strahlungsniveau und Wasserstoffkonzentration in den Primärcontainments, hervor, die der Betreiber TEPCO regelmäßig veröffentlicht. Block 4 ist seit 2014 brennstofffrei und spielt deshalb bei den Rückbauarbeiten keine größere Rolle. Er wird daher, ebenso wie die vom Tsunami kaum betroffenen Blöcke 5 und 6, bei der folgenden Betrachtung ausgeklammert.
Block 1
Der Bau der neuen Einhausung für Block 1 wurde fortgesetzt, unter anderem wurden Stahlstrukturen für den Unter- und Oberbau installiert und die Teile des beweglichen Dachs vormontiert. TEPCO plant die Entladung der Brennelemente aus dem Lagerbecken für 2027/2028. Dabei soll das gleiche Gerät zum Einsatz kommen, das auch bei Block 4 eingesetzt wurde.
Im Dezember 2025 wurde eine Mikrodrohne zur Erkundung im Inneren des Reaktorgebäudes eingesetzt. Die Drohne sollte unter anderem den Zustand von Absperrventilen am Notkondensator (Isolation Condenser) untersuchen, um eine Ansammlung von Wasserstoff an diesen Stellen ausschließen zu können. Es wird angenommen, dass diese Ventile nach der Kernschmelze geöffnet waren, sodass sich dort möglicherweise das bei einer Kernschmelze entstehende Wasserstoffgas innerhalb von Rohren und Ventilen angesammelt hat. Bei der Zerstörung von Brennelementen werden durch exotherme (wärmeentwickelnde) Oxidationsreaktionen, z. B. des Zircaloy der Brennstabhüllrohre und der Brennelementkästen mit Wasserdampf, große Mengen an Wasserstoff gebildet.
Block 2
An Block 2 sind die Arbeiten für einen Anbau an das Reaktorgebäude weiterhin im Gange. Der Anbau wird benötigt, um, beginnend ab dem Fiskaljahr 2026 (beginnt am 1. April 2026 und endet am 31. März 2027), die Brennelemente aus dem Lagerbecken entladen zu können. Unter anderem wurde hierfür ein Träger mit einem Schienensystem zur Bewegung des Brennstoffhandhabungsgeräts zwischen dem Reaktorgebäude und dem Anbau installiert. Zudem ist vorgesehen, im Brennelementbecken ein Reinigungssystem zu installieren, um das in dem Becken befindliche Wasser zu klären und so die Sichtverhältnisse zu verbessern.
Nachdem im Oktober 2024 erstmalig ein Kernschmelzfragment aus dem Sicherheitsbehälter von Block 2 geborgen wurde, startete am 15. April 2025 die zweite Bergung mithilfe eines Teleskoparms. Dieses Mal wurde eine andere Öffnung in dem Gitter im Steuerstabantriebsraum genutzt als bei der ersten Bergung (siehe Abbildung 1).
Das entnommene Material wurde zur weiteren Analyse der Japan Atomic Energy Agency (JAEA) übergeben. Eine erste zerstörungsfreie Untersuchung des Materials ergab demnach eine Gesamtmasse von 0,187 Gramm. Das größte Fragment weist Abmessungen von rund 5 x 4 Millimeter auf. Die Gamma-Dosisleistung betrug 0,3 Millisievert pro Stunde in einem Abstand von etwa 1 bis 2 Zentimetern (siehe Abbildung 2). Zur Einordnung: TEPCO gibt an, dass die Entnahme und Analyse von Fragmenten möglich ist, deren Dosisleistung 24 mSv/h in einem Abstand von 20 Zentimetern nicht übersteigt.
Eine Gamma-Spektrometrie ergab zudem, dass in der Probe die Radioisotope Americium-241 und Europium-154 enthalten sind. Dies legt laut TEPCO den Rückschluss nahe, dass die Probe Brennstoffbestandteile enthält. Bei weiteren Untersuchungen wurden darüber hinaus die Elemente Uran (Brennstoff), Zirconium (Hüllrohre), Eisen, Chrom, Nickel (aus Strukturbauteilen) und Sauerstoff identifiziert.
Da sich gezeigt hat, dass es bei den am Teleskoparm montierten Kameras zu Problemen mit der Strahlenbeständigkeit kommt und die Bilder nicht korrekt auf den Überwachungsmonitoren wiedergegeben wurden, wurden die Kameras ausgetauscht. Auch das Endstück des Teleskoparms mit dem Greifer wurde ersetzt, um eine höhere Stabilität der Konstruktion zu erreichen. Außerdem wurde der Greifer vergrößert. Ein erneuter Einsatz des Teleskoparms soll im Laufe des Fiskaljahrs 2026 erfolgen.
Erkenntnisse über die Zusammensetzung des Schmelzematerials geben zum einen Hinweise auf den genauen Unfallablauf und sind zum anderen für die weitere Planung der Bergung (Wahl der Instrumente, erforderliche Strahlenschutzmaßnahmen, weitere Handhabung etc.) relevant.
Block 3
Auch in Block 3 sollen Mikrodrohnen im Inneren des Sicherheitsbehälters zum Einsatz kommen (voraussichtlicher Start laut TEPCO nach Februar 2026). Ziel ist es, insbesondere Bildaufnahmen aus dem Bereich des sogenannten Steuerstabantriebsraums und des Zugangs X-6 zu erhalten, über den die Bergung von Kernschmelzmaterial erfolgen soll. Der Raum befindet sich unterhalb des Reaktordruckbehälters. Zudem soll die Ortsdosisleistung ermittelt werden. Im September 2025 wurden dazu Trainings an einem Modell durchgeführt und die geplanten Vorgehensweisen und Flugrouten geprüft.
Für die Entfernung des Kernschmelzmaterials aus Block 3 plant TEPCO die Kombination von Zugängen von oben und von der Seite in den Sicherheitsbehälter und schätzt, dass dafür eine Vorbereitungszeit von 12 bis 15 Jahren erforderlich sein wird.
Kontaminierte Wässer und Einleitungskampagnen
Nach wie vor fallen auf dem Anlagengelände große Mengen kontaminierter Wässer an. So wird Wasser zur Kühlung der Reaktorkerne beziehungsweise der Kernschmelzfragmente in die Blöcke 1, 2 und 3 eingespeist. Zusätzlich dringen Grundwasser und Niederschläge in die Reaktorgebäude ein. Das Wasser nimmt dort radioaktive Partikel auf und sammelt sich in den Reaktorgebäuden an.
Das kontaminierte Wasser, welches sich in den Reaktorgebäuden auf diese Weise angesammelt hat, wird abgepumpt und in Filteranlagen aufbereitet. Ein Teil dieser gefilterten Wässer wird zur Kühlung erneut in die Reaktoren geleitet. Der Rest wird nach einer weiteren Aufbereitung (u. a. Advanced Liquid Processing System, ALPS) in Tanks auf dem Anlagengelände gelagert.
Welche Menge kontaminierter Wässer fällt auf der Anlage an?
Die Menge der anfallenden kontaminierten Wässer gibt TEPCO im Fiskaljahr 2024 mit ca. 70 Kubikmeter (m³) pro Tag an (siehe Abbildung 3). Durch weitere Maßnahmen, wie etwa das Abdichten der Reaktorgebäude gegen Grundwasserzutritt, die Versiegelung von Gebäuden und die Einhausung von Block 1, soll diese Menge bis zum Fiskaljahr 2028 auf 50–70 m³/Tag reduziert werden.
Behandlung der kontaminierten Wässer
Die kontaminierten Wässer, die am Kraftwerksstandort anfallen und nicht wieder zur Kühlung der Reaktoren eingesetzt werden, durchlaufen – teils auch mehrfach – diverse Filter- und Reinigungssysteme, bevor sie in Tanks gelagert werden. Eine zentrale Aufgabe übernimmt hierbei das ALPS, das 62 Nuklide aus dem Wasser entfernen kann, darunter Cäsium-137 und Cäsium-134, Strontium‑90 und Cobalt-60. Daneben gibt es Entsalzungsanlagen und spezielle Filteranlagen wie KURION und SARRY, die speziell zur Entfernung von Strontium und Cäsium eingesetzt werden. Die Menge an Radionukliden lässt sich durch diesen Filterprozess so reduzieren, dass die Wässer die Grenzwerte für eine Einleitung ins Meer erfüllen (siehe hierzu Messwerte von TEPCO).
Ausnahmen stellen die Radionuklide Tritium und Kohlenstoff-14 dar. Beide Stoffe liegen in chemischen Verbindungen vor, die über die vorhandenen Filteranlagen nicht entfernt werden können (siehe auch Abschnitte „Einleitung ins Meer“ und „Der Weg vom Tank ins Meer“).
Einleitung ins Meer: Voraussetzungen und Überwachung
Da die Lagerkapazitäten für das anfallende Wasser am Standort begrenzt sind, hat die japanische Nuclear Regulation Authority (NRA) im Juli 2022 der Einleitung der sogenannten "ALPS-behandelten Wässer" ins Meer unter bestimmten Bedingungen zugestimmt.
Das in Tanks auf dem Anlagengelände gelagerte Wasser wird zunächst auf seinen Gehalt an 29 für die Einleitung relevanten Radionukliden sowie Tritium hin überprüft (siehe bspw. TEPCO/KAKEN-Messungen aus November 2025). In den Messungen muss nachgewiesen werden, dass sowohl die Grenzwerte für jedes einzelne Radionuklid als auch der Grenzwert für die Gesamtkonzentration aller vorhandenen Radionuklide eingehalten werden. Zusätzlich ermittelt TEPCO die Konzentrationen 39 weiterer Nuklide freiwillig.
Für die Einleitung ins Meer darf die Tritiumkonzentration im Wasser 1.500 Becquerel pro Liter (Bq/l) und die Gesamtaktivität von Tritium 22 Terabequerel (TBq) pro Jahr nicht übersteigen. Diese Werte entsprechen den nationalen Grenzwerten, wie sie vor dem Unfall in Fukushima für japanische Kernkraftwerke gegolten haben und gehören im internationalen Vergleich zu den niedrigeren Jahreswerten.
In Simulationen der Einleitung konnte gezeigt werden, dass die Tritiumkonzentration des Meerwassers in bis zu drei Kilometern vor der Küste im ungünstigen Fall bei 1–2 Bq/l liegen kann. Der übliche Wert an dieser Stelle liegt in Messungen regelmäßig zwischen 0,1–1 Bq/l. Zum Vergleich: Der von der Weltgesundheitsorganisation festgelegte Richtwert für Tritium im Trinkwasser liegt bei 10.000 Bq/l.
Um zu gewährleisten, dass die Vorgaben zur Einleitung eingehalten werden, wird das Meerwasser im Umkreis des Kernkraftwerkes von unterschiedlichen Organisationen kontinuierlich überwacht. Neben TEPCO selbst und der Aufsichtsbehörde entnehmen beispielsweise auch das japanische Umweltministerium und die Präfektur Fukushima regelmäßig Proben.
Die IAEO setzt zudem Überprüfungskommissionen rund um die Einleitungskampagnen vor Ort ein und veröffentlicht darüber umfangreiche Berichte, zuletzt im Mai 2025.
Das ALPS-behandelte, tritiumhaltige Wasser wird aus den Sammeltanks, in denen es zur nochmaligen Überprüfung vor der Einleitung gelagert wird, über eine Transferanlage („Transfer facility“) zur Wasserverdünnungsanlage („Dilution facility“) am niedrig gelegenen Einlaufbauwerk des Blocks 5 geleitet. In der Wasserverdünnungsanlage wird das Wasser mit einem Faktor von etwa 1 zu 1.000 mit Meerwasser verdünnt, anschließend über einen Abgabeschacht in einen ca. einen Kilometer langen unterirdischen Tunnel zur Einspeisestelle am Meeresgrund geleitet, die sich in einer Tiefe von etwa elf bis zwölf Metern befindet.
Einleitungskampagnen
Im Jahr 2025 wurden sieben Einleitungskampagnen durchgeführt, bei denen jeweils zwischen 7.833 und 7.908 m³ Wasser ins Meer eingeleitet wurden. Im Januar 2026 lief die erste Einleitungskampagne des Jahres 2026.
TEPCO gibt an, dass über die im August 2023 gestarteten Einleitungskampagnen bislang 82.506 m³ des auf dem Anlagengelände gelagerten ALPS-Wassers ins Meer geleitet wurden (entspricht 6 Prozent der Gesamtmenge). Mit Stand Januar 2026 umfasst die Menge an ALPS-Wässern damit noch 1.253.996 m³.
Radiologische Situation auf dem Anlagengelände und in der unmittelbaren Umgebung
Neben der Überwachung des Meerwassers und der Fische, Schalentiere und Algen – hier liegt das Augenmerk insbesondere auf Cäsium – werden auch auf dem Anlagengelände selbst und in der direkten Umgebung weiterhin Daten zur radiologischen Situation erhoben.
Außerhalb der Anlage führt beispielsweise die Aufsichtsbehörde NRA umfangreiche Messkampagnen sowohl aus der Luft, zu Wasser und an Land durch. So liegen außerhalb der 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk die zwischen April und Dezember 2025 ermittelten Dosisleistungen zwischen 0,07 und 0,20 Mikrosievert pro Stunde (µSv/h). Zum Vergleich: Die Tagesmittelwerte zur Ortsdosisleistung in Deutschland lagen für den 5. Februar 2026 zwischen 0,046 und 0,177 µSv/h – je nach Messort (siehe tagesaktuelle ODL-Info des Bundesamtes für Strahlenschutz).
Zahlreiche Evakuierungsanordnungen wurden mittlerweile gelockert. Lediglich als Difficult‑to‑return Zones eingestufte Gebiete unterliegen derzeit weiterhin strikten Evakuierungsanordnungen (siehe Abbildung 5). Dabei handelt es sich um Gebiete, in denen die jährliche kumulative Strahlendosis über 50 Millisievert (mSv) liegt und voraussichtlich auch in fünf Jahren noch oberhalb von 20 mSv liegen wird.
Radioaktive Abfälle und Umgang mit kontaminiertem Erdreich
Der bei der Stilllegung des Kernkraftwerkes anfallende feste radioaktiv kontaminierte Abfall (z. B. Beton- und Metalltrümmer, Erde, abgesägte Bäume, gebrauchte Schutzkleidung) umfasste mit Stand 2024 ca. 500.000 m³. In den nächsten zehn Jahren wird mit einem Anstieg auf ca. 690.000 m³ gerechnet. Zur Lagerung der festen Abfälle betreibt und baut TEPCO derzeit sogenannte Solid‑Waste‑Storage‑Facilities; dabei handelt es sich aktuell um zehn Lagerhallen, eine weitere ist ab dem Fiskaljahr 2027 geplant. Es werden aber auch Außenlager betrieben, in denen Schutt, Holz und Schutzkleidung gelagert wird. Diese sollen bis 2028 aufgelöst werden. Mit Blick auf das Abfallvolumen betreibt TEPCO mehrere Reduktionsprozesse, wie Verbrennung oder Zerkleinerung, um das Endlagervolumen zu verringern.
Sekundärabfälle aus der Wasseraufbereitung (Abfälle aus ALPS, SARRY, KURION etc.), wie Schlämme aus Filteranlagen oder Konzentrate aus Verdampfung, werden in speziellen Lagergebäuden gelagert, beispielsweise in der Waste Sludge Temporary Storage Facility.
Im Rahmen der Arbeiten zur Dekontamination der Landflächen rund um das KKW Fukushima Daiichi wurde in großem Maße radioaktiv kontaminiertes Erdreich abgetragen.
Bis Juli 2025 wurden rund 14 Mio. m³ abgetragenes Erdreich zusammen mit Asche aus der Verbrennung organischen Materials in einem Zwischenlager auf dem Gebiet der Städte Okuma und Futaba auf einer Fläche von insgesamt 16 Quadratkilometern gesammelt (siehe Abbildung 6).
TEPCO plant, dass rund 75 Prozent des Erdreichs, welches nur eine geringe Aktivität von 8.000 Bq/kg oder weniger aufweist, weitere Verwendung etwa beim Straßenbau findet und der Rest nach einer Volumenreduktion außerhalb der Präfektur Fukushima bis März 2045 in einem Endlager entsorgt werden soll. Im August 2025 wurde die Roadmap on Promotion of Managed Recycling for Realization of Final Disposal vom Umweltministerium herausgegeben, in der die Planungen für die kommenden fünf Jahre skizziert werden.
Kernenergieprogramm in Japan
Derzeit sind laut dem Power Reactor Information System der IAEO in Japan 12 Druckwasserreaktoren (Genkai-3 und -4, Ikata-3, Sendai-1 und -2, Takahama-1 bis -4, Ohi-3 und -4, Mihama-3) und zwei Siedewasserreaktoren (Onagawa-2 und Shimane-2) im Leistungsbetrieb. Außerdem erhielten die beiden Blöcke Kashiwazaki Kariwa-6 und -7 die Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme. Block 6 befindet sich seit 21. Januar 2026 im Testbetrieb. Zudem besteht die behördliche Auflage, bis 2029 weitere Maßnahmen zum Schutz vor terroristischen Angriffen umzusetzen.
Auch für die Anlagen Tomari-3 und Tokai-2 planen die Betreiber die Wiederinbetriebnahme. Allerdings müssen hier aktuell noch weitere Auflagen der Aufsichtsbehörde umgesetzt werden, wie beispielsweise erhöhte Schutzwälle gegen Tsunamis. Bei den Anlagen Hamaoka-3 und -4 hat die Aufsichtsbehörde die Sicherheitsbewertung für ein Wiederanfahren im Januar 2026 hingegen vorerst ausgesetzt, da der Betreiber gefälschte Daten zur Erdbebensimulation zur Beurteilung eingereicht hatte. Beim KKW Shika wird derzeit geprüft, ob die Anlage sich teils oberhalb einer aktiven Verwerfung befindet. Dies könnte ein Ausschlusskriterium für eine Wiederinbetriebnahme sein.
Der Anteil der Stromerzeugung aus Kernenergie lag 2024 in Japan bei 9,5 Prozent. Das entspricht mehr als 93 Terawattstunden (TWh) im Vergleich zu 84 TWh im Vorjahr.