Langzeitbetrieb von Kernkraftwerken: Sicherheitstechnische Fragestellungen über 60 Jahre hinaus
Weltweit werden Kernkraftwerke zunehmend länger betrieben als ursprünglich vorgesehen. In den USA wurden bereits mehrere Anlagen für Laufzeiten von bis zu 80 Jahren genehmigt, auch in Europa werden entsprechende Vorhaben diskutiert oder vorbereitet. Mit steigender Betriebsdauer gewinnen Fragen zu Alterungsprozessen, technischen Weiterentwicklungen und aktuellen Sicherheitsanforderungen an Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der GRS in einem vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) geförderten Forschungsvorhaben die sicherheitstechnischen Herausforderungen eines Langzeitbetriebs über 60 Jahre hinaus. Ein Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung einer Methode, mit der sich systematisch bewerten lässt, inwieweit bestehende Anlagen dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Dazu werden ältere Kraftwerkskonzepte mit modernen Referenzanlagen verglichen.
Alterung, Nachrüstung und Sicherheitsstandards
Die Forschenden analysieren unter anderem Sicherheitskonzepte, die Auslegung sicherheitsrelevanter Systeme, Nachrüstmaßnahmen sowie Schutzvorkehrungen gegen innere und äußere Einwirkungen. Ziel ist es, Merkmale zu identifizieren, die für die sicherheitstechnische Bewertung älterer Anlagen besonders relevant sind, und mögliche Grenzen von Modernisierungsmaßnahmen aufzuzeigen.
Darüber hinaus wertet das Projekt aktuelle Erkenntnisse zu Alterungs- und Schädigungsmechanismen passiver mechanischer Komponenten aus. Untersucht werden beispielsweise strahlungsbedingte Werkstoffversprödung, Spannungsrisskorrosion und Ermüdungsprozesse. Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, den internationalen Kenntnisstand zum Langzeitbetrieb systematisch zusammenzuführen und für europäische Anlagen einzuordnen.
Grundlage für die Bewertung grenznaher Anlagen
Da bislang nur begrenzte Betriebserfahrungen mit Kernkraftwerken über 60 Jahre hinaus vorliegen, untersucht das Projekt auch bestehende Wissens- und Technologielücken. Die Arbeiten sollen dazu beitragen, internationale Entwicklungen fachlich einzuordnen und eine Grundlage für die Bewertung sicherheitstechnischer Fragestellungen des Langzeitbetriebs zu schaffen. Für Deutschland ist dies insbesondere mit Blick auf grenznahe Kernkraftwerke von Bedeutung, deren sicherheitstechnische Entwicklungen weiterhin beobachtet und bewertet werden müssen.
Projekt-Highlights Reaktorsicherheit
Sogenannte Small Modular Reactors (SMR) oder auch Micro Modular Reactors (MMR) werden derzeit von vielen Ländern für eine CO2-arme Energieerzeugung in Betracht gezogen – auch bei unseren direkten Nachbarn wie Frankreich, Polen oder Tschechien. Aufgrund der räumlichen Nähe benötigt Deutschland fachliche Kompetenz in diesem Themengebiet. Einerseits, um offene sicherheitstechnische Fragen zu klären und andererseits, um diese Konzepte eigenständig analysieren und bewerten zu können – zum Beispiel, wenn es zu einem Ereignis in einer grenznahen Anlage kommt.
Am 11. März 2011 kam es im japanischen Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi nach einem Erdbeben und dem dadurch ausgelösten Tsunami zu einem schweren Reaktorunfall. In zahlreichen internationale Forschungsprojekte wurde seitdem daran gearbeitet, den Unfall im Detail nachzuvollziehen und Verbesserungsvorschläge für die Sicherheit von Kernkraftwerken abzuleiten. Das GRS-Projekt ANEMONE unterstützt ein entsprechendes Vorhaben der Kernenergieagentur der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD-NEA).
Forschungsreaktoren unterscheiden sich in Bauart und Nutzung erheblich von kommerziellen Reaktoren in Kernkraftwerken. Forscherinnen und Forscher der GRS untersuchen, wie sich diese Unterschiede auf die Sicherheit von Forschungsreaktoren auswirken.