Kernenergie in Belarus

• Nahe der Stadt Astrawez wird ein Kernkraftwerk (KKW) mit zwei Druckwasserreaktoren betrieben.

• Gemeinsam decken die beiden Blöcke circa ein Viertel bis ein Drittel des Strombedarfs des stark von Energieimporten abhängigen Landes ab.

• In Minsk werden drei Forschungsreaktoren betrieben.

 

Status quo der Stromerzeugung

Die aktuellen Daten der Internationalen Energieagentur IEA bilden für Belarus den Stand 2021 ab und berücksichtigen den aktuellen Einfluss der Kernenergie auf den Strommix nur teilweise, da die beiden Blöcke erst Mitte 2021 bzw. Ende 2023 ihren kommerziellen Betrieb aufgenommen haben. In den Zahlen spiegelt sich die starke Energieabhängigkeit des Landes wider: 78 % des Stroms wurde aus Erdgas produziert, welches es fast ausschließlich aus Russland bezieht.

KKW und Strommix Belarus
KKW und Strommix Belarus

Auf den KKW-Standort Astrawez (die (bela-)russische Variante Ostrovets ist in Fachkreisen gebräuchlicher) in der gleichnamigen Region im Westen des Landes legte man sich 2009 fest. Erste Überlegungen dazu hatte es bereits in den frühen 1980er-Jahren gegeben. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl lagen diese Pläne allerdings längere Zeit auf Eis – kein Land war von den Auswirkungen der Reaktorkatastrophe so stark betroffen wie Belarus.

Mittlerweile laufen bei Astrawez zwei WWER-1200-Blöcke vom Typ V-491, von denen einer seit Juni 2021 kommerziell betrieben wird; der zweite folgte im November 2023. Beide Blöcke wurden vom russischen Staatskonzern Atomstroyexport gebaut. Auch das Geld für den Bau kam aus Russland.

Eine hohe Verfügbarkeit der beiden Blöcke vorausgesetzt, könnten diese bis zu 50 Prozent der gut 35 Terawattstunden produzieren, die das Land jährlich verbraucht.

Politische und rechtliche Rahmenbedingungen

Die Kernenergie ist in Belarus ein wichtiges Instrument, um die Importabhängigkeit des Landes zu reduzieren und die Energiequellen zu diversifizieren: Der Anteil von Gas an der Produktion von Strom und Wärmeenergie soll laut einer auf 2015 datierenden Verordnung des Ministerrats bis zum Jahr 2035 von 90 auf 50 Prozent reduziert werden.

Das kerntechnische Regelwerk in Belarus basiert aus historischen Gründen auf dem russischen kerntechnischen Regelwerk. Das Gesetz Nr. 426-Z „Über die Nutzung der Kernenergie" und das Gesetz Nr. 198-Z „Über den Strahlenschutz“ bilden die gesetzliche Basis zur Entwicklung der nuklearen Sicherheit und des Strahlenschutzes in der Republik Belarus.

Da der Standort Astrawez nur etwa 60 Kilometer von der litauischen Hauptstadt Vilnius entfernt liegt, gibt es erhebliche politische Widerstände aus Litauen gegen das Kernkraftwerk.

Aktuelle Planungen und Projekte

Reaktoren in Belarus
KKW in Belarus

Große KKW. Die wesentlichen Entscheidungen zum Bau des KKW wurden 2007 per Präsidentenerlass getroffen. 2009 legte man sich auf den Standort und den Bau von zwei russischen KKW-Blöcken des Typs WWER-1200/V-491 fest. Es handelt sich um ein KKW der Generation 3+, dessen Referenzanlage im KKW Leningrad-II in Betrieb ist.

Ab 2012 begannen bauvorbereitende Arbeiten und nach den nuklearen Baugenehmigungen 2013–2014 erfolgte der Bau der beiden Blöcke. Block 1 ist seit Juni 2021 im kommerziellen Betrieb, Block 2 seit November 2023. 

Ende Februar 2024 teilte der Generaldirektor Rosatoms Alexej Lichatschow mit, dass die Energie-Ministerien von Belarus und Russland an einem Auftrag zum Bau neuer Blöcke in Belarus arbeiten.

Forschungsreaktoren

Laut Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) werden derzeit drei Forschungsreaktoren betrieben. Angesiedelt sind diese im wichtigsten Nuklearforschungszentrum des Landes, dem Институт ядерных проблем (Institut für nukleare Probleme/Fragestellungen), im Minsker Vorort Sosny.

(Stand: 04.04.2024)