Kernenergie in den Niederlanden

• Die niederländische Regierung strebt eine Verlängerung der Laufzeit des gegenwärtig einzigen Kernkraftwerks (KKW) Borssele über das Jahr 2033 hinaus sowie den Bau von zwei neuen KKW-Blöcken an.
• In Petten soll mit PALLAS ein neuer Forschungsreaktor gebaut werden, der den bislang dort noch betriebenen ersetzen soll.
• Zwei niederländische Unternehmen beabsichtigen, gemeinsam mit ausländischen Partnern in den Niederlanden Small Modular Reactors (SMR) zum Einsatz zu bringen.

 

Status quo der Stromerzeugung

In den Niederlanden wird aktuell ein Kernkraftwerk betrieben. Der in der Provinz Zeeland nahe der Ortschaft Borssele gelegene Druckwasserreaktor wurde von der Kraftwerk Union (KWU) errichtet und 1973 in Betrieb genommen. Das KKW verfügt nach einer Modernisierung im Jahr 2006 über eine elektrische Leistung von 482 Megawatt (MW). Dies entspricht einem Anteil von rund 3 Prozent an der gegenwärtigen Gesamterzeugungskapazität in den Niederlanden.

Der mit Abstand größte Teil der Stromerzeugung in den Niederlanden entfällt mit knapp 50 Prozent auf Gaskraftwerke; der Anteil von Wind- und Solarerzeugung liegt bei rund einem Viertel.

Im Jahr 2021 wurden insgesamt etwa 122 Terrawattstunden (TWh) erzeugt. Import und Export von Strom hielten sich annähernd die Waage.

[Wir nutzen die Zahlen der International Energy Agency (IAE), die für die Niederlande den Stand 2022 wiedergibt. Tagesaktuelle Erzeugungsdaten nach Energiequelle finden sich auf der Seite Electricity Maps.]

Kernkraftwerke und Strommix in den Niederlanden
Kernkraftwerke und Strommix in den Niederlanden

Politische und rechtliche Rahmenbedingungen

Mit ihrer Klimagesetzgebung aus dem Jahr 2019 haben sich die Niederlande das verbindliche Ziel gesetzt, den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen bis zum Jahr 2030 zu halbieren und bis zum Jahr 2050 um 95 Prozent zu reduzieren (gemessen jeweils am Stand 1990). Dazu soll bis zum Jahr 2050 die Stromerzeugung vollständig auf Erneuerbare Energien umgestellt werden. Bereits im Jahr 2018 wurde beschlossen, die Kohleverstromung bis zum Jahr 2030 einzustellen.

Diese Strategie wurde von der im Jahr 2021 neu gewählten Regierungskoalition dahingehend modifiziert, dass auch die Kernenergie eine Rolle beim Erreichen der niederländischen Klimaziele spielen soll, sowohl im Hinblick auf die Stromerzeugung in Ergänzung von Erneuerbaren Energien als auch durch die Erzeugung von Wasserstoff.

KKW-Standorte in den Niederlanden
Karte Niederlande

Aktuelle Planungen und Projekte

Große KKW. Konkret strebt die niederländische Regierung eine Verlängerung des Betriebs des Kernkraftwerks Borssele und den Bau zweier weiterer Leistungsreaktoren an. So hat das Kabinett die niederländische Aufsichts- und Genehmigungsbehörde ANVS damit beauftragt zu prüfen, ob und unter welchen Bedingungen ein Weiterbetrieb des bestehenden Reaktors über das Jahr 2033 hinaus in (sicherheits-)technischer Hinsicht machbar wäre.

Für einen Neubau kommen aus Sicht der Regierung Reaktoren der Generation III+ mit einer elektrischen Leistung von 1.000 bis 1.600 MW in Betracht. Aktuell evaluiert die niederländische Regierung den Einsatz von AP1000-Reaktoren über technische Machbarkeitsstudien mit verschiedenen Anbietern. Planung und Bau zweier Reaktoren sollen durch den Staat mit rund 500 Mio. Euro bis 2025 und insgesamt mit circa 5 Mrd. Euro bis 2030 unterstütz werden. Für die Inbetriebnahme der neuen Blöcke wird das Jahr 2035 anvisiert. Am 9. Dezember 2022 erklärte die Regierung, dass nach derzeitigem Stand der Standort Borssele für den Neubau präferiert werde; ein Standort in der Region um Rotterdam sei als Alternative vorgesehen. Mit Blick auf die erforderlichen Untersuchungen geht die Regierung davon aus, dass eine abschließende Standortentscheidung nicht vor Ende 2024 getroffen werden könne.

Small Modular Reactors - SMR. Das Unternehmen Thorizon, das aus der niederländischen Nuclear Research and Consultancy Group (NRG – s. u.) ausgegründet wurde, plant, bis zum Jahr 2035 am Standort Borssele einen Thorium-Reaktor als Pilotanlage zu errichten. Nach gegenwärtigem Planungsstand soll der Reaktor, in dem als Brennstoff neben Thorium langlebige radioaktive Abfälle eingesetzt werden sollen, eine thermische Leistung von 250 MW haben. Thorizon kooperiert mit NRG sowie Orano und dem Betreiber des Kernkraftwerks Borssele, der EPZ.

Im August 2022 haben das niederländischen Unternehmen ULC-Energy BV und die britische Rolls Royce SMR eine Vereinbarung geschlossen, die auf einen Einsatz des britischen SMR mit einer elektrischen Leistung von 470 MW in den Niederlanden abzielt.

Auf Grundlage einer „Sondierungsstudie“ zum Einsatz von Kernenergie in der niederländischen Provinz Limburg hat die Provinzregierung im März 2023 eine „SMR-Allianz“ gegründet, an der wissenschaftliche Organisationen, Unternehmen, Netzbetreiber und SMR-Hersteller beteiligt sind. Die Allianz soll als Wissensplattform für eine gesellschaftliche Debatte über eine mögliche Errichtung von SMR in der Provinz bieten.

Forschungsreaktoren

Gegenwärtig betreibt die NRG im Auftrag der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU einen Forschungsreaktor in Petten. Der 45-MW-Hochflussreaktor wurde 1961 in Betrieb genommen und dient heute insbesondere der Gewinnung medizinisch genutzter Isotope (insbesondere Molybdän-99). An der Universität Delft wird seit 1963 ein Forschungsreaktor in Poolbauweise mit einer thermischen Leistung von 2 MW betrieben, der ebenfalls für medizinische Zwecke sowie u. a. zur Materialforschung eingesetzt wird.

Der Reaktor in Petten soll durch einen neuen Forschungsreaktor (PALLAS) ersetzt werden. Dabei handelt es sich um einen Poolreaktor, der mit schwach angereichertem Uran (< 20 Prozent) betrieben werden soll. Erste Arbeiten zur Vorbereitung des Standorts starteten im November 2022; nach Ablauf der Einspruchsfrist gegen die Errichtungsgenehmigung wurde im Mai 2023 mit den eigentlichen Bauarbeiten durch das spanische Bauunternehmen FCC Construcción (FCC) begonnen.

Urananreicherung

In Almelo, unweit der Grenze zu Deutschland, betreibt die Firma Urenco eine von drei ihrer europäischen Anlagen zur Anreicherung von Uran für zivile Zwecke. An diesem Standort werden von der Firma ETC, einem Joint Venture von Urenco und Orano, auch die Gasultrazentrifugen gefertigt, die bei der Anreicherung eingesetzt werden. Urenco investiert aktuell in die Erweiterung ihrer Produktionskapazität um 15 Prozent, die ab 2027 abgeschlossen sein soll.

(Stand: 13.03.2024)