Kernenergie in Belgien
• Im April 2026 vereinbarten die Regierung und der Betreiber der belgischen Kernkraftwerke Verhandlungen über eine Übernahme aller Anlagen durch den belgischen Staat, der Betreiber stoppte alle Rückbauarbeiten.
• Mit Myrrha wird derzeit ein Forschungsreaktor gebaut, mit dem unter anderem Fragestellungen zur Transmutation erforscht werden sollen.
• Im Rahmen eines europäischen Projekts strebt das belgische Kernforschungszentrum die Entwicklung eines bleigekühlten SMR an; eine von zwei Vorläuferanlagen soll im belgischen Mol errichtet werden.
Status quo der Stromerzeugung
Abgesehen von dem Prototypreaktor BR-3 (Abschaltung 1987) befinden sich in Belgien zwei Standorte mit Kernreaktoren: die Kernkraftwerke (KKW) Doel und Tihange. Hier erzeugten über Jahrzehnte insgesamt sieben Druckwasserreaktoren mehr als die Hälfte des belgischen Stroms. Nach der Stilllegung von fünf der Reaktoren in den Jahren 2022 bis 2025 sind aktuell nur noch die Blöcke Doel-4 und Tihange-3 am Netz.
Bis einschließlich 2024 lag der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromerzeugung bei über 43 %. Fossile Energieträger kamen auf etwa 38 % der rund 77,1 Terawattstunden (TWh), die im Jahr 2024 in Belgien erzeugt wurden. Das Land ist traditionell auf Stromimporte angewiesen. Bei einer rückläufigen Stromproduktion importierte Belgien auch 2024 knapp 14 % des insgesamt verbrauchten Stroms.
[Wir nutzen die Zahlen der International Energy Agency (IAE), die Zahlen sind gerundet. Tagesaktuelle Erzeugungsdaten nach Energiequelle finden sich auf der Seite Electricity Maps.]
Politische und rechtliche Rahmenbedingungen
Unter den letzten belgischen Regierungen wurden in der Energiepolitik in Bezug auf die Kernenergie einige Wendungen vollzogen. So war lange Zeit geplant, von fünf Reaktoren drei im Jahr 2025 abzuschalten, Doel-1 machte Mitte Februar 2025 den Anfang.
Anfang 2022 gab die damalige belgische Regierung („Vivaldi-Koalition“) bekannt, dass die Laufzeiten der Reaktorblöcke Doel-4 und Tihange-3 um zehn Jahre, also bis 2035, verlängert werden sollen. Die seit Februar 2025 amtierende Regierung („Arizona-Koalition“) hat mit ihrer Parlamentsmehrheit im Mai 2025 das seit Jahrzehnten bestehende gesetzliche Verbot von Neubauten zurückgenommen und strebt noch weitgehendere Lauzeitverlängerungen für die Reaktoren Doel-4 und Tihange-3 bis 2045 an. Außerdem sollen Laufzeitverlängerungen für die übrigen Kernkraftwerksblöcke geprüft werden.
Aktuelle Planungen
Laufzeitverlängerungen. Nachdem die belgische Regierung und der Energieversorger Engie (der 100 Prozent der Anteile an dem Betreiber der belgischen KKW Engie Electrabel hält) sich bereits im Juli 2022 im Grundsatz darauf geeinigt hatten, die Anlagen Doel-4 und Tihange-3 im Fall einer Einigung durch ein von beiden Seiten hälftig getragenes Joint Venture weiterzubetreiben, schlossen die Parteien im März 2025 eine entsprechende Vereinbarung.
Diese sieht neben der Übertragung des anteiligen Eigentums auch eine Aufteilung des Preisrisikos durch einen sogenannten „contract for difference“ sowie die Übernahme der Verantwortung für die Entsorgung radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente durch den belgischen Staat gegen eine Zahlung von rund 15 Milliarden Euro vor. Der Weiterbetrieb von Tihange- 3 wurde im Juli 2025 von der belgischen Atomaufsichtsbehörde genehmigt, der von Doel-4 im Oktober 2025 Für den geplanten Weiterbetrieb der beiden Blöcke waren umfangreiche Prüfungen erforderlich (mehr dazu in diesem Artikel); die Genehmigungen zum Wiederanfahren der Anlagen wurden unter der Auflage umfangreicher Nachrüst- und Modernisierungsmaßnahmen erteilt, die teilweise auch nach dem Wiederanfahren in bestimmten Fristen durchzuführen sind.
Hinsichtlich weiterer Laufzeitverlängerungen, sprich der beiden genannten Reaktoren bis 2045 respektive der anderen drei bis 2035, zeigte sich der Betreiber Engie Electrabel allerdings skeptisch. So betonte der Betreiber noch anlässlich der letztmaligen Abschaltung von Tihange-1 Ende September 2025, dass eine von der derzeitigen Regierung angestrebte Laufzeitverlängerung für die Anlage wirtschaftlich nicht sinnvoll realisierbar wäre und der Abbau der Anlage ab 2028 in Angriff genommen werden solle.
Große Kernkraftwerke. Die gegenwärtige Regierung strebt eine nukleare Erzeugungskapazität von 4 Gigawatt an. Diese könnten mittelfristig aber nur durch eine Laufzeitverlängerung aller fünf Anlagen erreicht werden (die im Februar und November 2025 abgeschalteten/abzuschaltenden Blöcke miteingerechnet). Der Koalitionsvertrag sieht als weitere Option auch den Bau neuer KKW vor; ob und gegebenenfalls welche Art von Anlagen für die kommerzielle Stromerzeugung errichtet werden sollen (beispielsweise konventionelle KKW oder Small Modular Reactors), ist derzeit noch unklar.
Im April 2026 vereinbarten Regierung und Betreiber die Aufnahme von Verhandlungen über eine vollständige Übernahme aller belgischen KKW durch den belgischen Staat, einschließlich des gesamten Personals, Tochtergesellschaften sowie aller Verbindlichkeiten in Bezug auf den späteren Rückbau der Anlagen. Die Verhandlungen sollen bis Oktober 2026 abgeschlossen sein.
SMR. Mit seinem Kernforschungszentrum SCK-CEN ist Belgien gemeinsam mit Italien und Rumänien an dem europäischen EU-SMR-LFR-Projekt beteiligt, in dem ein bleigekühlter SMR entwickelt und dessen wirtschaftliche Machbarkeit demonstriert werden soll. In dem Projekt sollen zwei Demonstrationsanlagen errichtet werden: bis 2035 eine kleinere im belgischen Mol, gefolgt von einer größeren Anlage im rumänischen Pitești. Im Mai 2025 haben die belgische Aufsichts- und Genehmigungsbehörde und SCK-CEN in Belgien einen formalen Konsultationsprozess gestartet, in dessen Rahmen mögliche Hindernisse für eine Genehmigung der geplanten Anlage identifiziert und nach Möglichkeit beseitigt werden sollen.
Forschungsreaktoren
Im Studienzentrum für Kernenergie in Mol werden Stand heute noch drei Forschungsreaktoren betrieben. Ein weiterer Forschungsreaktor ist derzeit im Bau: Der von einem Teilchenbeschleuniger angetriebene Reaktor Myrrha soll Angaben aus dem Sommer 2024 zufolge bis 2038 betriebsbereit sein und unter anderem zur Transmutationsforschung verwendet werden.
(Stand: April 2026)